Warum gibt es Verschwörungstheorien?

Kreative können sich Dinge vorstellen, auf die andere gar nicht kommen

Textauszug vom Krautreporter-Text Was ich nach einem halben Jahr über Corona-Verschwörungen gelernt habe von Theresa Bäuerlein; zur Frage, welche persönlichen Einstellungen es für die Bereitschaft gibt, an Verschwörungstheorien zu glauben:

Offenheit. Einen der interessantesten Gründe dafür, dass manche Menschen anfälliger für Verschwörungen sind als andere, hat die Journalistin Paula Scheidt schon vor drei Jahren gefunden. Sie hat versucht zu verstehen, warum immer mehr ihrer Freund:innen dem Schwurbel verfallen und hatte beim Wälzen neuropsychologischer Fachzeitschriften die Erkenntnis, dass einer der besten Charakterzüge ihrer Freund:innen sie in die Irre führt. „Die Fähigkeit zu divergentem Denken ist eine Komponente der Kreativität. Sie erlaubt, über konventionell gültige Kategoriengrenzen hinweg zu assoziieren“, zitiert sie in ihrem Artikel „Meine verirrten Freunde“ den Neuropsychologie-Professor Peter Brugger. „Einfach gesagt: Kreative können sich Dinge vorstellen, auf die andere gar nicht kommen. Wer zudem sehr empathisch ist, vermag sich in die merkwürdigsten Motive hineinzuversetzen. Alles Weitere hängt von der Neugierde ab – Gleichgültige geben sich zufrieden, Wissbegierige wollen mehr“. Das heißt natürlich nicht, dass du nicht kreativ oder neugierig bist, wenn du nicht an Verschwörungsmythen glaubst. Sondern, dass eine eigentlich positive Charaktereigenschaft, nämlich eine Offenheit gegenüber alternativen Ideen und Perspektiven, manche Menschen auch empfänglicher für Verschwörungen macht.

Der ebenfalls sehr lesenswerte verlinkte Text der Journalistin Paula Scheidt schildert persönliche Erfahrungen und hält am Ende eine verständnisvoll-resignierte Schlussfolgerung bereit:

…die anarchische digitale Welt bietet alles: Kommt man auf die Idee, die Popsängerin Miley Cyrus sei in Wahrheit eine reptilienartige, als Mensch getarnte Ausserirdische, die nur über gelegentliches irres Augenzucken ihre wahre Identität verrät, findet man Beweisvideos und weiterführende Informationen auf über 9000 Internetseiten. Fragt man sich, ob die Erde vielleicht doch flach ist, findet man 13 Millionen Websites, die das bejahen und erklären. Egal was, der Beweis ist nur einen Klick entfernt.

Die gute Nachricht: Meine Freunde und Bekannten sind nicht verrückt. Sie machen Denkfehler und verlieren sich in der Grenzenlosigkeit ihrer Fantasie und des Internets. Die alarmierende: Es kann ziemlich viele treffen. Und: Ich kenne keine Medizin.