Unvereinigte Staaten von Amerika bleiben weit hinter ihren Möglichkeiten zurück

Auszüge aus dem Essay von Claus Hulverscheidt, Süddeutsche Zeitung, 2.10.2020

Als vor drei Jahrzehnten der Ostblock kollabierte, hielten sich die Amerikaner für die Sieger der Geschichte. Heute dagegen stehen die USA selbst vor einer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zerreißprobe.


Amerikas ökonomische Talfahrt begann keineswegs mit Chinas Aufstieg, und sie begann erst recht nicht mit der Amtsübernahme Donald Trumps. Sie begann bereits mit der Abwanderung der ersten Industriebranchen in den Fünfziger- und Sechzigerjahren und setzte sich fort mit der Entfesselung der Finanzmärkte in den Achtzigern. Die Friktionen, die diese Entwicklungen auslösten, blieben zunächst unter einem Berg aus Arroganz und Selbstbetrug sowie dem Gerede über das vermeintliche “Ende der Geschichte” verborgen. Und doch verwandelten sie die USA in ein zerrissenes Land, das heute weit hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt.

Der entscheidende Fehler war wohl der bewusste Entschluss der amerikanischen Politik- und Wirtschaftselite, der Industriearbeit den Rücken zu kehren und Wohl und Wehe des Landes auf dem wackeligen Fundament eines neuen Finanzkapitalismus aufzubauen. Sollen doch die anderen die Drecksarbeit machen, so lautete das unausgesprochene Credo zunächst der Republikaner, später auch der Demokraten – wir sammeln dafür am Ende die Gewinne ein. Über unsere Unternehmensberater, Versicherer und Dienstleister, unsere Investmentbanken und Börsen.

Dabei übersahen die vermeintlichen Modernisierer jedoch, dass immer mehr Menschen zurückblieben. Heute gibt es in den USA Hunderte, ja Tausende Dörfer und Städte, in denen ein Teil der Häuser und Geschäfte verrammelt ist. In denen bleiverseuchtes Wasser aus den Hähnen fließt, ganze Familien medikamentenabhängig sind und die Polizei die Kontrolle über einzelne Viertel verloren hat. In denen Brücken bröckeln, Schulen schließen und Eisenbahnschienen wegrosten. Anders als etwa im Ruhrgebiet, wo seit Jahrzehnten der durchaus schwierige Versuch unternommen wird, eine Region aus der Umklammerung einer untergehenden Industriesparte zu lösen und neue Arbeitsmöglichkeiten zu erschließen, überließ man die früheren Kohle- und Stahl-Städte der USA einfach ihrem Schicksal. Man kann es den betroffenen Menschen kaum verdenken, dass sie es dem Land heimzahlten, indem sie 2016 kräftig dabei halfen, Donald Trump ins Präsidentenamt zu befördern.

…Bildungssystem, das man nur noch als zynisch bezeichnen kann: hier die Privatschulen und -universitäten der Schönen und Reichen, die auf Koffern voller Geld sitzen, dort die kaputtgesparten öffentlichen Einrichtungen, denen es an den elementarsten Dingen fehlt.

Selbst wenn Trump mit einem seiner Show-Dekrete verordnen würde, dass die Amerikaner Stahl, Spielzeug oder Bekleidung in großem Stil wieder im eigenen Land herstellen – sie könnten es auf Jahre hinaus gar nicht, weil sie das technische Know-how nicht mehr haben.

Das dysfunktionale Bildungs- und Ausbildungssystem hat jedoch noch eine zweite, gravierendere Folge: Der Gesellschaft ist die soziale Durchlässigkeit abhandengekommen, jenes für das Selbstverständnis der USA so elementare Aufstiegsversprechen an alle, die nur hart genug arbeiten, das romantisch verklärt als “amerikanischer Traum” bezeichnet wird.

Stattdessen bleibt ein riesiges Maß an Talent und Potenzial, das in der Bevölkerung schlummert, schlicht ungenutzt. Die Folgen sind eine im Vergleich zu anderen Industrienationen mangelhafte Produktivität, Perspektivlosigkeit und wachsende Ungleichheit – wobei Letztere noch durch ein Steuersystem befördert wird, das Reiche und ihre Kapitaleinkünfte schamlos privilegiert.

Am deutlichsten aber wird der Zustand des reichsten Landes der Welt im Gesundheitswesen, wo gleich mehrere Faktoren auf unglückselige Art zusammenwirken. Eine Krankenversicherung schlägt für eine vierköpfige Familie inklusive aller Zuzahlungen und Selbstbehalte gerne mit 25 000 Dollar im Jahr zu Buche, die Medikamentenpreise sind teils irrwitzig, weil sie sich allein nach Angebot und Nachfrage richten, und ein längerer Klinikaufenthalt kostet leicht eine fünf- oder gar sechsstellige Summe. Kurzum: Viele Arme können sich Gesundheit nicht leisten.

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“Andere Länder sind es gewöhnt, Amerika zu verabscheuen, Amerika zu bewundern und Amerika zu fürchten”, schrieb kürzlich der Autor eines Essays im Magazin The Atlantic – und fuhr dann einigermaßen konsterniert fort: “Aber Amerika bemitleiden? Das ist neu.”