So werden aus Meinungen Glaubenssysteme

Süddeutsche Zeitung, 8. Dezember 2020, Debattenkultur:Trittbrettfahrer der Angst / Die Bewegung der Corona-Skeptiker versammelt Esoteriker, Naturfreunde, Impfgegner – und Rechte. Dennoch fühlen sich viele Menschen dort eher politisch links. Wie kann das sein? Über die Symptome einer gesellschaftlichen Krise. / Von Andrian Kreye / Mit dem wunderbaren Zitat des amerikanischen Historikers Arthur Schlesinger: Jeder hat das Recht auf seine eigene Meinung, aber niemand hat das Recht auf seine eigenen Fakten.

Trump lügt seit Beginn seiner politischen Laufbahn. Pandemie und Erderwärmung sind keine Streitfragen, sondern Naturkatastrophen. Deswegen fällt es den Vernünftigen derzeit auch so schwer, sich vernünftig mit der Bewegung der Corona-Gegner zu beschäftigen. Ist Impfen nicht so normal wie Händewaschen und Zähneputzen? Ist es nicht naturgesetzlich logisch, dass Masken und soziale Distanz vor Ansteckung schützen?

In den USA und Großbritannien beschäftigen sich die Wissenschaften mit diesen Spaltungen. Keith Stanovich, Professor für angewandte Psychologie an der University of Toronto, erforscht derzeit das Phänomen des Bestätigungsfehlers im digitalen Kontext. Dabei geht es um die Neigung des Menschen, Informationen so auszuwählen und auszulegen, dass sie Erwartungen bestätigen. Was früher ein Nischenthema der Kognitionsforschung war, ist mit den Filterblasen der sozialen Medien ein Massenphänomen geworden. Stanovich beschreibt das als “Fettleibigkeitsepidemie des Geistes”. Das funktioniert ähnlich wie bei Menschen, die zu viel Zucker und Fett in sich hineinstopfen. Ein Steinzeitreflex sagt ihnen, dass Pommes und Zimtschnecken Energie sind und deswegen sofort erbeutet werden müssen. Genauso saugt der Mediennutzer ein Übermaß an Unwahrheiten aus den Kanälen, er will das eigene Weltbild polstern. So werden aus Meinungen Glaubenssysteme.

In Deutschland liegen die Wurzeln der Bewegung sowieso weniger im politischen Untergrund. Gut ein Drittel der Querdenker sind laut einer Untersuchung des Baseler Soziologen Oliver Nachtwey aus dem Spektrum der Grünen und der Linken. Die Rechtsradikalen und Populisten, die das Bürgertum und den Verfassungsschutz gerade so beunruhigen, sind nur Trittbrettfahrer der Angst.

Diese Krise wird man über Debatten allein nicht lösen können. Schon gar nicht, wenn die Debatten nicht mehr der Konsensfindung einer demokratischen Gesellschaft dienen, sondern in Ritualen erstarrt sind, in denen jeder dem anderen nur noch zeigen will, wo der Hammer hängt.