Rechtsstaat kann nicht vor digitaler Gewalt schützen

“Europol nennt sexuelle Nötigung und Erpressung im Internet das neue Kriminalitätsphänomen des digitalen Zeitalters. In den meisten Fällen sind Mädchen und Frauen betroffen”, berichtet Lena Deser im Online-Magazin Krautreporter. In dem von der Autorin anschaulich illustrierten Beitrag lenkt sie die Aufmerksamkeit auf eine Entwicklung, der sich nicht nur Eltern und Personen im öffentlichen Raum ausgesetzt sehen. Auch Kinder in Grundschulen sind schon von Hackern mit verstörenden Einblendungen in digitales Unterrichtsmaterial böswillig irritiert worden. Am Ende steht die Feststellung, dass der Rechtsstaat -noch- hilflos wirkt im Umgang mit dem Phänomen. Desers Recherche sollte dazu dienen, die Debatte mit dem Ziel wirksamer Bekämpfung dieser Verbechen anzufachen.

Zu Beginn fasst Lena Deser ihr Thema so zusammen: “Die Pandemie hat unser Leben beinahe komplett ins Digitale verlagert. Für Täter:innen bedeutet das neue Gelegenheiten für sexuellen Missbrauch. Und für alle anderen: mehr Gefahr.

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Zoombombing zeigt, wie digitale Gewalt in Zeiten der Pandemie und mit zunehmender Digitalisierung ein neues Ausmaß und neue Formen angenommen hat. In Großbritannien verdoppelten sich im April 2020 die Meldungen über bildbasierten sexuellen Missbrauch bei einem staatlich finanzierten Hilfetelefon im Vergleich zum April im Vorjahr, in Australien verdreifachten sich solche Meldungen von März bis Mai 2020, also während des ersten Lockdowns. Bei bildbasiertem sexuellen Missbrauch werden Nacktfotos oder -videos erstellt oder geklaut und ohne das Einverständnis der sichtbaren Personen auf Pornoseiten verbreitet.

Bei der Recherche dieser Fakten konnte ich tagelang nicht abschalten. Ich erinnerte mich, wie ich selbst Anfang der 2000er Jahre, mit zwölf Jahren, nichtsahnend mit Freundinnen am Computer der Eltern mit Fremden chattete. Auch wir erhielten innerhalb weniger Minuten Anfragen fremder Männer: „Was hast du an?“, „Schickst du mir ein Foto von dir?“, „Na, Lust zu telefonieren?“ Ohne Smartphones oder Webcam konnten wir zum Glück noch nicht einmal auf den Gedanken kommen, ein Foto von uns zu verschicken. Von den Nachrichten erzählten wir niemandem; zu eklig, zu verboten fühlte sich das an.

Auch heute, zwanzig Jahre später, ist das Wissen über digitale Gewalt viel zu gering: Sloane Ryan beschreibt bei Krautreporter in einem schockierenden Bericht, was sie erlebt, als sie sich im Internet als elfjähriges Mädchen ausgibt. Das tut sie, um bei Eltern, die nicht selbstverständlich mit dem Internet aufgewachsen sind, ein stärkeres Bewusstsein für die Gefahren für Kinder im Internet zu wecken.

…das Bewusstsein für die Gefahren digitaler Gewalt ist gering – nicht nur in der gesamten Gesellschaft, sondern vor allem auch bei Beratungsstellen, der Polizei und Strafverfolgungsbehörden. Zu diesem Fazit kommt auch das gerade veröffentlichte Gutachten „Digitalisierung geschlechtergerecht gestalten“ für den Dritten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung.

Um die Kontrolle zurückzugewinnen, hat (die prominente britische Schauspielerin, angemerkt von der Redaktion) Helen Mort als Antwort auf ihren Missbrauch ein Gedicht veröffentlicht. Der BBC sagte sie dazu: „Die Absicht der Täter, wie sie in ihrem Posting sagten, war es zu demütigen. Sie sagten, sie wollten diese Person gedemütigt sehen, und ich dachte, na ja, eigentlich bin ich nicht gedemütigt. Und ich werde mich dazu äußern, weil ich nicht diejenige sein sollte, die sich schämt.“


Quelle: Krautreporter am 17.3.2021, Missbrauch im Internet : So sieht die neue sexualisierte Gewalt im Netz aus, von Lena Deser


netzpolitik.org:

Strafrecht – Weitere Taten werden als Stalking strafbar

Auch digitales Ausspähen, Einschüchterung und das Vortäuschen einer falschen Identität fallen in Zukunft unter den Straftatbestand Stalking. Die Bundesregierung hat eine entsprechende Gesetzesreform gebilligt. Expert:innen warnen, dass weitere Maßnahmen folgen müssen. 24.03.2021 um 16:35 Uhr – Chris Köver