Niemand will sich manipuliert fühlen

Apple und Co werden immer klebriger. So nennt Constanze Kurz (netzpolitik.org) die Plattformökonomie, die uns kostenfreie Angebote macht. Tatsächlich gilt, was der ehemalige Insider von Google, Tristan Harris, heute als extremer Kritiker der sozialen Medien feststellt: „Wenn Sie nicht für das Produkt bezahlen, sind Sie selbst das Produkt. ´Gratis` ist das teuerste Geschäftsmodell.“

Harris und Roger MacNamee, Ex-Facebook-Insider, erklären in der Süddeutschen Zeitung im Interview mit Jannis Brühl, warum sie die Algorithmen-gesteuerten Medien kulturell für gefährlich halten, ja sogar große Gefahren für die Demokratie erkennen. „Unser Vertrauen in Informationen kollabiert“, meint Harris, und MacNamee glaubt, „die Verstärkung durch Algorithmen verursacht das Problem,… weil der Algorithmus nach allem sucht, was Reaktionen auslöst.“

Die beiden Kritiker gehen davon aus, dass im inneren Zirkel der Konzerne über die Folgen der Entwicklung nachgedacht wird, ihre Meinung also ernst genommen wird. McNamee meint über die Facebook-Mannschaft, „diese Leute sind im Herzen Ingenieure. Sie glauben an Effizienz und Optimierung. Das klappt gut für ein kleines System wie einen Motor. Aber nicht, wenn man diese Prinzipien auf die ganze Gesellschaft anwendet.“
Harris denkt radikaler über Google und Facebook: „Dieses Modell kombiniert Sucht, Wut und Hass. Dieses System hat uns radikalisiert. Ich versuche, den Menschen zu zeigen, dass das ein künstlicher Prozess über Jahre war, damit sie aus der Matrix ausbrechen können. … Ich will den Leuten zeigen, dass bestimmte Dinge aus Marketingdokumenten stammen, von Werbeabteilungen erdacht wurden. Niemand will sich manipuliert fühlen.“

Einig sind die beiden mit einem überzeugenden Vorschlag auf die Frage von Jannis Brühl, Zitat: „Sie haben einen „hippokratischen Eid“ für Programmierer ins Spiel gebracht. Was meinen Sie damit?


McNamee: „Übernimm die Verantwortung“. Ein Bauingenieur kann zur Verantwortung gezogen werden, wenn ein Gebäude einstürzt. Programmierer gehen kein persönliches Risiko ein.
Harris: Es sollte sein wie bei den Programmierern von Boeing: Die mussten auf dem Jungfernflug des Flugzeugs, für das sie die Software geschrieben hatten, mitfliegen.“