Nichts ist in Stein gemeißelt

Forscher widersprechen sich, Erkenntnisse ändern sich. Kann man sich auf die Wissenschaft überhaupt verlassen? Ein Erklärungsversuch von Ulrich Schnabel und Maximilian Probst, 29. Juli 2020, Zeit online. Zitate:

Tatsächlich erkennt man souveräne Wissenschaftler daran, dass sie nicht nur Schwachstellen bei anderen, sondern auch bei eigenen Arbeiten erkennen und sich – wenn nötig – selbst korrigieren….Am ehesten nähert man sich der Wahrheit durch die ständige Korrektur von Fehlern…”Reine” Daten gibt es also nicht, alles bedarf der Einordnung und Interpretation. Die aber kann je nach Blickwinkel sehr verschieden ausfallen….Zum guten wissenschaftlichen Arbeiten gehört seither, dass die Forscher offenlegen und reflektieren, von welchem Standpunkt aus sie sprechen…Der Philosoph Whiteheadhat hat die Idee, dass alles Wissen perspektivisch relativiert ist, sogar noch weiter getrieben.Weil nämlich jeder Punkt auf unserer Erde und jedes Fitzelchen Materie durch vielfältige Beziehungen zu seinem Drumherum bestimmt sei, sei bereits die Vorstellung eines klar abgrenzbaren Standpunkts und einer eindeutigen Perspektive eine Abstraktion…. Ob sich zum Beispiel atomare Teilchen wie punktförmige feste Objekte verhalten oder wie unendlich ausgedehnte Wellen, hängt nicht zuletzt davon ab, ob man sie beobachtet oder nicht. Die Vorstellung einer objektiven, vom Betrachter unabhängigen Realität ist damit in der Physik weitgehend perdu….Um zu gesicherten Erkenntnissen zu kommen, braucht es daher in der Psychologie (ebenso wie in der Medizin, Hirnforschung et cetera) möglichst viele Studien aus unterschiedlichen Labors, die zum selben Ergebnis kommen. Dummerweise stehen solche Einschränkungen und Vorsichtsklauseln im diametralen Gegensatz zu den Erwartungen der Öffentlichkeit. Schlagzeilen macht nicht der Konsens der Forscher, der mitunter über Jahre mühsam errungen wird, sondern das sensationelle Einzelresultat, das vermeintlich alles Dagewesene sprengt….Zu diesen unabsichtlichen Irrtümern gesellen sich die vorsätzlichen. Denn auch Forscherinnen und Forscher sind mitunter aus krummem Holz geschnitzt; manche schlampen, fälschen oder betrügen….Und schließlich ist auch das institutionalisierte Wissenschaftssystem alles andere als perfekt, ja in vielerlei Hinsicht ambivalent….Kann man – angesichts all dieser Schwächen und Unzulänglichkeiten – der Wissenschaft überhaupt noch trauen? Frei nach Winston Churchills Demokratiedefinition: Die Wissenschaft ist die schlechteste Form der Welterklärung – abgesehen von allen anderen….Der Erkenntnistheoretiker Karl Popper hat daher die “Falsifizierbarkeit” zum wichtigsten Merkmal wissenschaftlicher Theorien erhoben: Absolute Wahrheit gibt es in der Wissenschaft nicht, keine Erkenntnis kann abschließend verifiziert werden, sie kann nur falsifiziert, durch Gegenbeweise widerlegt werden. Das unterscheidet sie auch von Verschwörungstheorien, die sich im Besitz der Wahrheit wähnen und hermetisch gegen jedwedes Gegenargument abschotten.