Neun Ideen, die helfen können, den Umgang mit Corona zu besser zu verstehen

Zeit-Online, 6. November 2020

Keiner kann derzeit sagen, wie der Königsweg aussieht, um mit der Covid-19-Pandemie umzugehen. Der erste Shutdown wurde von ängstlichem Schweigen begleitet. Es ist zu befürchten, dass der zweite Shutdown just jene Gereiztheit befeuert, die unsere gesellschaftlichen Auseinandersetzungen schon seit Längerem vergiftet. Höchste Zeit, sich auf das zu besinnen, was eine demokratische Gesellschaft stark macht: angstfreie, kritische Vielstimmigkeit. Demokratie ist kein Solostück, sondern die Leistung von vielen. Neun Autoren, neun Perspektiven, neun Ideen, wie wir den gegenwärtigen Herausforderungen besser begegnen könnten Von Thea Dorn, Peter Dabrock, Juli Zeh, Eugen Ruge, Christiane Stella Bongertz, Daniel Barenboim, Seyran Ateş, Klaus Mertes und Bernhard Pörksen

Thea Dorn

ist Essayistin und Schriftstellerin und moderiert die ZDF-Sendung Das Literarische Quartett:
Im 19. Jahrhundert wütete in deutschen Landen die Cholera. Und es wütete ein Streit zwischen den beiden berühmtesten deutschen Wissenschaftlern, die sich der Bekämpfung dieser Seuche verschrieben hatten: Max von Pettenkofer, München, und Robert Koch, Berlin. Heute wissen wir, dass der Bakteriologe Robert Koch mit seinem Erkläransatz, dass Cholera durch ein bestimmtes Bakterium ausgelöst wird, richtiglag und der Begründer der wissenschaftlichen Hygiene Max von Pettenkofer sich irrte, als er annahm, es müssten zusätzlich organische Verunreinigungen des Bodens hinzukommen, damit die Seuche zum Ausbruch käme.

liebe verantwortliche Wissenschaftler: Trauen Sie sich – weiter! – an die Öffentlichkeit, wenn Sie in der Pandemiebekämpfung einen anderen Weg für richtiger halten! Überwinden Sie Ihre Sorge, als “Abweichler” oder gar “Verharmloser” dazustehen!
“Listen to the scientists!” ist eine wunderbare Parole. Allerdings nur, wenn wir den Plural tatsächlich ernst nehmen.


Peter Dabrock

Theologe und Ethiker, war bis April 2020 Vorsitzender des Deutschen Ethikrates :

Menschen sind die ersten Experten ihres Lebens, sei es in ihren Alltagsbesorgungen, sei es in den Vereinigungen vor Ort. Die Vielfalt der Sorgen, aber auch der kreativen Lösungsideen kann selbst die üppigste, wohlwollendste Ministerialbürokratie einschließlich akademischer Expertenräte nicht widerspiegeln. Warum also schalten nicht alle Regierungen von Bund bis Stadt moderierte Ideenbörsen und briefen darüber regelmäßig die Hausleitungen? Dieses Potenzial ungenutzt zu lassen ist fahrlässig – zu diesem Schluss kommt nicht nur, wer eine Fortbildung in Bürgerbeteiligung besucht hat oder es in Tagen von Wutbürgern und Aluhüten demokratietheoretisch für geboten hält. Nein, es ist auch deshalb wertvoll, weil so viel Kluges zusammenkommen kann.

Juli Zeh

ist Schriftstellerin, Juristin und Richterin am Verfassungsgericht des Landes Brandenburg:

Wir haben in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts ein wertvolles Geschenk erhalten: eine Gesellschaft, in der wir angstfrei miteinander leben und reden können. Lasst uns die Gesundheit dieser Gesellschaft schützen, indem wir den AHA-Bestimmungen drei SOS-Regeln zur Seite stellen: Sensibilität im Umgang mit fremden Ängsten, Offenheit für abweichende Positionen, Sorgfalt beim Formulieren der eigenen Ansichten. Unsere Chancen, gut durch die Krise zu kommen, werden rapide steigen.

Eugen Ruge

Aufgewachsen in der DDR, ist Schriftsteller und Gewinner des Deutschen Buchpreises:

Die Verfassung der DDR war demokratisch. Artikel 27 garantierte jedem Bürger sowie allen Medien das Recht auf freie Meinungsäußerung. Ich darf aus eigener Erfahrung versichern: Die schönsten Gesetze nützen nichts, wenn die Demokratie nicht gelebt wird. Und das heißt, dass der gesellschaftliche Konsens immer neu und unter Schmerzen ausgehandelt werden muss, und zwar mit allen Teilen der Gesellschaft, sogar mit denen, die empörenderweise eine vollkommen andere Meinung haben als wir. Gewiss gibt es Grenzen der Meinungsfreiheit, die Gesetze geben darüber Auskunft. Alles andere ist nicht bloß zu ertragen, sondern in Rechnung zu stellen. Die ständige, schon fast verinnerlichte Mahnung, dass man dies oder jenes nicht öffentlich sagen könne, weil dies oder jenes auch von diesem oder jenem gesagt würde, hat auch in der DDR das Denk- und Redeverbot stets begründet. Gerade weil Covid-19 ein so schwerwiegendes und vermutlich langwieriges Problem ist, bedarf es der offenen, breiten, angstfreien Diskussion über die Art und den Umfang der Gegenmaßnahmen, bei der auch die zu Wort kommen müssen, die nicht in der Nähe der gesellschaftlichen Schaltstellen sitzen.

Christiane Stella Bongertz

ist Publizistin und lebt mit ihrer schwedisch-deutschen Familie im südschwedischen Helsingborg:

Lagom ist ein schwedisches Wort, das sich mit “nicht zu viel, nicht zu wenig” übersetzen lässt und ein schwedisches Ideal bezeichnet. Wer lagom viele Zimtschnecken vom Buffet nimmt, wird sich nicht den Teller vollhäufen. Noch weniger wird hen (das ist das schwedische Personalpronomen, das weder weiblich noch männlich ist) anderen vorschreiben, wie viele Schnecken sie zu nehmen haben. Hen wird darauf vertrauen, dass alle das richtige Maß einhalten, damit niemand zu kurz kommt. Das funktioniert erstaunlich gut.

Als lagom empfinden viele Schweden auch das, was als “schwedischer Sonderweg” in der Corona-Krise berühmt-berüchtigt wurde: freiwillig einzuhaltende Empfehlungen statt Zwang. In einer aktuellen Meinungsumfrage sprechen 72 Prozent dem Staatsepidemiologen Anders Tegnell, dem “Gesicht” des “Sonderwegs”, das Vertrauen aus – noch vier Prozent mehr als im April. Wie kann das sein, nachdem in Schweden bisher fast 6000 Menschen an Covid-19 gestorben sind (hochgerechnet auf die deutsche Bevölkerungszahl wären das gut 48.000 Opfer)? Die vielen Toten sind, da gibt es kein Vertun, eine Tragödie und alles andere als lagom. Das hat Tegnell schon im Juni eingeräumt: Hätte man im März gewusst, was man heute wisse, man hätte einiges anders gemacht.

Die Bereitschaft, Fehler zuzugeben, war und ist eine enorm vertrauensaufbauende Maßnahme. Ebenso, trotz Kritik und Morddrohungen stets die Basis der Freiwilligkeit zu verteidigen Das Zutrauen in die Fähigkeit der Mitmenschen, sich, ja: lagom zu verhalten, finden manche naiv. Aber die Mehrheit rechnet es Tegnell und der Gesundheitsbehörde hoch an und gibt sich Mühe, die Richtlinien zu befolgen – auch wenn es woanders teils so rüberkam, als gäbe es gar keine. Ein Missverständnis von vielen. Bevor dieser Text ebenfalls zu einem beiträgt: Nein, ich weiß auch nicht, was der “richtige” Weg ist. Aber ich weiß, dass ich solches Vertrauen nicht enttäuschen will. Ich backe etwa die Zimtschnecken gerade selbst, um unnötiges Anstehen zu vermeiden. Und ich weiß, dass ich gerne als vernunftbegabter freier Mensch respektiert werde. Ich lebe seit Jahren in Schweden, aber gerade denke ich zum ersten Mal ernsthaft darüber nach, die schwedische Staatsbürgerschaft zu beantragen.

Daniel Barenboim

Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper, engagiert sich für politische Versöhnung durch Musik:

Was mir am meisten Sorgen macht, ist, wie wenig Bedeutung Musik und Kultur heute im gesellschaftlichen Diskurs haben. Selbstverständlich kommt die Gesundheit zuerst, dann die Wirtschaft. Aber auch Kultur trägt zur Wirtschaft bei, und wir dürfen nicht vergessen, dass der Mensch auch einen Geist hat. Man spricht so oft von “Zeitgeist” – unsere Zeit ist aber denkbar geistlos, wenn Musik und Kultur kaum noch eine Rolle spielen.

Seyran Ateş

ist Rechtsanwältin, Menschenrechtsaktivistin und Mitbegründerin der liberalen Ibn Rushd-Goethe-Moschee in Berlin:

Komşu ist das türkische Wort für Nachbar/in (im Türkischen hat es kein Geschlecht) und bedeutet mehr, als bloß nebeneinander zu wohnen. Es steht für ein Nachbarschaftskonzept, wonach Menschen, die nicht per Geburt verbunden sind, eine Familie bilden, mit großer wechselseitiger Verlässlichkeit. In Zeiten von Corona könnte diese Philosophie helfen, neue Formen der Nachbarschaftlichkeit zu entwickeln, etwa indem sich zwei Singles oder Verwitwete zu einer Art “Virusgemeinschaft” zusammenschließen, um Einsamkeiten zu mildern – auch wenn sie Müller oder Schmitzke heißen. Ich leugne keine Probleme, wenn ich sage: Meine wunderbar-schreckliche Großfamilie bleibt das beste Mittel gegen die Einsamkeit in Zeiten von Corona.

Klaus Mertes

ist Jesuitenpater und Publizist. Bis 2020 war er Gymnasialdirektor, zuletzt am Kolleg St. Blasien im Schwarzwald:

Der Grat zwischen Fürsorge und Bevormundung ist schmal. Social Distancing dient dem Schutz der Schwächsten. Ganz gewiss. Was aber ist, wenn die Schwächsten gar nicht geschützt werden wollen, oder jedenfalls nicht um den Preis des Social Distancing? Wenn der Opa weiterhin von seinen Enkeln besucht werden will? Wenn schwer kranke oder gar sterbende Menschen die Hand eines Lieben länger als eine halbe Stunde halten wollen? Und so weiter. Dann müssen sie, so eigentlich die Solidaritätslogik in Corona-Zeiten, dennoch auf Kontakt verzichten, und zwar, um Dritte nicht zu gefährden.

Die Grenze zur Bevormundung ist überschritten, wenn diese Solidaritätslogik keine Ausnahme mehr zulässt. Totalitär wird es, wenn von den Schwächsten auch noch die Zustimmung zu den Schutzmaßnahmen erwartet wird, selbst wenn sie diese für sich nicht wollen. Im Frühjahr berichtete die ARD prominent über einen alten Mann. Er hatte sich auf eine der Querdenker-Demos dazugestellt und war vor den Kameras der ARD in Tränen ausgebrochen, weil er seine demente Frau nicht besuchen konnte: “Ich bin doch der einzige Mensch, den sie noch erkennt!” Als sich ein Schreihals neben ihn stellte und die “Lügenpresse” angriff, distanzierte er sich: “Mit denen möchte ich auch nichts zu tun haben.” Für die Berichterstattung hätte die Szene gereicht, um die Differenz von berechtigtem Protest und Hasstiraden zu zeigen. Doch es genügte nicht. Der alte Mann musste am nächsten Tag noch einmal vor die Kameras gezerrt werden. Vor dem Eingang des Altersheims seiner Frau hatte er sich anzuhören, warum es – aus Solidarität mit Dritten – eben nicht möglich sei, dass er seine Frau besucht. Erst als er bereit war zu bekennen, er sehe jetzt ein, dass es unmöglich ist, wurde er entlassen.

Bevormundung ist eine Form von Machtmissbrauch. Wenn eine Gesellschaft unter dem Druck von durchaus sinnvollen, allgemein verbindlichen Schutzmaßnahmen das Gespür für den Unterschied zwischen Fürsorge und Bevormundung verliert, ist allerdings Widerspruch notwendig. Sonst nimmt die Demokratie Schaden. Deswegen: Hinhören, was die Schwächsten wollen.

Bernhard Pörksen

ist Professor für Medienwissenschaft in Tübingen. Zuletzt veröffentlichte er (mit Friedemann Schulz von Thun) Die Kunst des Miteinander-Redens:

Überall auf der Welt kämpfen Menschen gegen ein Virus. Überall auf der Welt werden Regierungseffizienz und Regierungsversagen in Echtzeit sichtbar und vergleichbar. Wie kommt Südkorea durch die Krise, wie China, wie Schweden, wie Deutschland? Was aktuell abläuft, ist ein gigantisches Parallelexperiment, bei dem alle mitmachen, Demokraten, Autokraten und populistische Bullshitter. Ich selbst habe hohen Respekt vor den Leistungen seriöser Medien in Zeiten der Pandemie, aber im Moment fehlt mir die globale Draufsicht, der Adlerblick. Und es ist im Gestöber widersprüchlicher Nachrichten und vor dem Hintergrund einer allgemein spürbaren Zukunftsunruhe an der Zeit, die Analysen zu bündeln, die Maßnahmen in anderer Schärfe und Grundsätzlichkeit zu bewerten – auf dem Weg zum informierten Streit.

Denn die pandemische Erschütterung ist der weltweite Testfall, der im Besonderen das Allgemeine offenbart: die Bedeutung des Vertrauens in das politische System, die Katastrophe der Desinformation, die Folgekosten von Experten- und Staatsverachtung, aber auch die kalte Effizienz des Digital-Autoritarismus wie etwa in China, der das westliche Freiheitsempfinden verhöhnt. Meine These lautet: Wir könnten jetzt begreifen, was zivilisatorische Krisenkompetenz ausmacht. Und dafür brauchen wir den Journalismus, der Szenarien und Strategien international vergleichend analysiert.

Warum wäre die ordnende Draufsicht, elf Monate nach dem Ausbruch in Wuhan, gerade jetzt so nötig? Weil die Echtzeit-Hektik und das totale Jetzt der Infektionskurven im Zweifel schlicht diskursfeindlich sind. Weil Regierung und Opposition zunehmend getrieben agieren. Und weil die jeweiligen Expertinnen und Experten unvermeidlich in ihrem Gebiet verharren, die Weitung des Blicks also selbst nicht leisten können. Kurzum: Der seriös sortierende Journalismus könnte dabei helfen, den Schrecken der Gegenwart in eine noch nie dagewesene Lernchance zu verwandeln – vielleicht gerade noch rechtzeitig.