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Silja Graupe hat zusammen mit Walter Ötsch eine Einführung in das bedeutendste Werk von Walter Lippmann verfasst.

Auszug aus dem oben verlinkten Interview auf den NachDenkSeiten:

Im Buch erwähnen Sie auch das Committe on Public Information (CPI). Was war das und wie ist man dort vorgegangen?

Das war gleichsam das Propagandaministerium der Regierung Wilson. Es wurde mehrere Tage nach dem Kriegseintritt der USA im April 1917 errichtet, auch auf Vorschlag von Walter Lippmann. Wilson hatte die Wahlen 1916 mit dem Slogan He Kept Us Out of War gewonnen und ist dann bald nach Amtsantritt auf einen Kriegskurs umgeschwenkt, in der Bevölkerung war das damals unpopulär. Man wollte nicht gegen die Deutschen in den Krieg ziehen, viele US-Bürger hatten einen deutschsprachigen „Migrationshintergrund“, und die Gewerkschaften haben den „Krieg der Reichen“ verurteilt. Das CPI war ursprünglich als Agentur für die Verteilung von Informationen gedacht. Als erkannt wird, dass viele in der Bevölkerung die Gründe für den Kriegseintritt der USA nicht wissen oder nicht verstehen, beginnt die staatliche Behörde mit Aufklärungskampagnen, die immer eindringlicher werden und sich dann zu einer bis dahin unbekannten Hetz- und Propagandakampagne entwickeln.
Eine Besonderheit des CPI waren zum Beispiel die die Four-Minute Men: insgesamt 75.000 meist ortsbekannte Prominente, die – angeleitet durch ein wöchentliches Bulletin – in der Öffentlichkeit oder im privaten Kreis mehrmals die Woche vierminütige Reden abzuhalten hatten, wobei sie „spontan“ und „enthusiastisch“ wirken sollten. So sollten sie zum Beispiel vor einer Kinovorstellung unaufgefordert aufstehen und gegen die „Sklaverei der preußischen Herren“ wettern und erfundene Gräuelgeschichten erzählen. Das CPI vertrat einen durchaus totalitären Ansatz. Man wollte – noch vor dem Radiozeitalter – nicht weniger als den Alltagsdiskurs der ganzen Gesellschaft verändern und innerhalb von Monaten eine Massenkonformität erreichen.

Wie hat Lippmann denn auf den Erfolg des CPI reagiert?

Lippmann war über den Erfolg des CPI zutiefst beunruhigt, Die Öffentliche Meinung ist aus diesem Anlass geschrieben. Er sah die Gefahren der Manipulation für die Demokratie und er sah auch, dass es nicht nur um medienpolitische Maßnahmen geht, sondern um das grundlegende Problem des Erkennens sozialer Wirklichkeiten.

Lesetipp: Lippmann, Walter. Die öffentliche Meinung. Wie sie entsteht und manipuliert wird. Mit einer Einführung von Walter Ötsch und Silja Graupe. Westend. 416 Seiten. Erscheinungstermin: 1. August 2018.


Zitat aus der Meldung im Informationsdienst Wissenschaft (idw), 05.11.2020

Ist unser Sehen manipuliert?

Claudia Eulitz Presse, Kommunikation und Marketing
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Materieller Geist – Material Minds: Die Europäische Union fördert innovative Forschung zur Wahrnehmung

Gemeinsam mit Wissenschaftlern der Universitäten Santiago de Compostela, Spanien, und Brighton, Großbritannien, hat Professor Johannes Müller, Archäologe an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU), den Zuschlag für ein innovatives Forschungsprojekt erhalten. Dieses wird in den kommenden sechs Jahren mit rund zehn Millionen Euro durch den European Research Council (ERC) der Europäischen Union gefördert.

Unter dem Titel „Material Minds“ wollen die Wissenschaftler die Verknüpfung zwischen materieller Kultur und menschlichem Handeln von der Altsteinzeit bis ins Mittelalter in unterschiedlichen Gesellschaftsformen untersuchen. Sie gehen davon aus, dass „Materialität“, also alltägliche Gegenstände und die gebaute Umwelt, eine Rolle für unsere Wissensverarbeitung einnimmt, die mit der von Sprache vergleichbar ist. „Unser „Sehen“ ist nichts Objektives, sondern es ist wandelbar. Es ist abhängig von den Zusammenhängen, in denen wir leben, aber auch von Herrschaftsverhältnissen, die uns bestimmen. Normierte Visualisierung bestimmt den Verstand und kann als Mittel der Herrschaftsausübung dienen.“Basis des Projektes bildet eine Datenbank, die das mit verschiedenen Methoden erfasste Seh- und Wahrnehmungsverhalten in unterschiedlichen gesellschaftlichen und historischen Zusammenhängen abbildet. Dafür untersuchten die Forscher in einer Pilotstudie unter anderem mithilfe von sogenannten Eye-Trackern, die der Blickerfassung dienen, die Visualisierung von Keramik und Monumenten prähistorischer europäischer Gesellschaften. Sie stellten fest, dass offensichtlich sehr unterschiedliche, normierte Blickbewegungen erzeugt werden, je nach dem, was sozio-ökologisch konstituierend für Gesellschaften ist. Tatsächlich erkannten sie neurologische Veränderungen, die das ‚Sehen‘ nicht nur beeinflussen, sondern normieren. Aus dieser Feststellung leitet sich die Relevanz des Projektes für heutige Gesellschaften ab. Es untersucht materielle Kultur und Gegenständlichkeit als Bereiche für Gefahren und Chancen und untersucht die Frage: Ist unser Sehen manipuliert und wenn ja, wie?


Christian Klepp, Geologe und Fotograf, hat gelernt, “wie man mit Licht schreibt“ (FOTOGRAFIE ist – laut Wikipedia – dem Altgriechischen entlehnt und bedeutet ZEICHNEN MIT LICHT.) Auf der hier verlinkten Website schildert er, welchen Aufwand er betreibt, um seine ungewöhnlich schönen Bilder von diesem Planeten aufzunehmen. Zufällig passt dazu die heutige (30.Dezember 2020) Lektüre der Buchrezension in der Süddeutschen Zeitung von Alex Rühle über Marcia Bjorneruds “Zeitbewusstheit”. Thema: Die Geologie kann eine trockene Wissenschaft sein. In dem neuen Buch der amerikanischen Geologin Marcia Bjornerud aber wird sie zu einem intellektuellen Erlebnis.