Loblied auf den Kern der Demokratie

Süddeutsche Zeitung, 29. Januar 2021

Demokratie:Die Macht der Freiheit

Lebendige Demokratie

Lebendige Demokratie(Foto: Florian Gmach, Shutterstock)

Der Amtsantritt Joe Bidens in Washington zeigt: Die Demokratie ist stärker als die radikalen und autoritären Kräfte. Vorausgesetzt, es gibt genügend wehrhafte Demokraten.

Von Joachim Käppner

Wir haben Kräfte gesehen, welche unsere Nation zertrümmern wollten, statt an ihr teilzuhaben. Demokratie kann zurückgeworfen, aber niemals dauerhaft besiegt werden. Auf diese Wahrheit, auf diese Überzeugung vertrauen wir.Als die erst 22 Jahre alte Dichterin Amanda Gorman bei der Amtseinführung von Joe Biden und Kamala Harris am 20. Januar vor dem Kapitol ihr Gedicht “The Hill We Climb” rezitierte, war das für sehr viele Beobachter ein besonders ergreifender Moment innerhalb einer historischen Stunde. Das lag einerseits an der jungen Afroamerikanerin selbst, die nach dem traumatischen Trump-Jahren den Aufbruch in eine bessere Ära geradezu personifizierte, aber auch an ihren Versen selbst.

So beginnt das Loblied auf die Demokratie, mit dem der Autor den Bogen schlägt von den gefährlichen Entwicklungen in den USA zu den misslungenen Stationen demokratischer Prozesse in Europa und aktuell in der arabischen Welt sowie in China. Und so hört der Text auf:

Wenn heute die Staaten des Westens, ausgelöst durch die “Black Lives Matter”-Bewegung, sich gezwungen sehen, ihre verdrängte Kolonialgeschichte aufzuarbeiten, dann ist das gut und nötig – und zugleich Zeichen einer Stärke. Nämlich zu jener Selbstkritik, die autokratischen Herrschern und autoritären Regierungsmodellen vollkommen abgeht. Demokratien können aus ihren, vom Kolonialismus bis zum Irakkrieg 2003, reichlich vorhandenen Fehlern, Verirrungen, ja Untaten der Vergangenheit lernen, sie können Irrwege und Defizite erkennen, auch wenn sie das nicht immer tun, und bessere Wege finden. Das ist das Wesen des westlichen Projekts der Freiheit.

Deshalb ist ein vorsichtiger Optimismus nicht falsch, dass eben dieses Projekt Antworten auf die drängendsten Fragen der Gegenwart finden wird: Wie es den freigesetzten Dämonen der Netzwelt begegnen wird, wie es die Abgehängten oder Sich-abgehängt-Fühlenden zurückgewinnt, wie es die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen und vor allem die Klimakatastrophe verhindern will. Und wenn das gelingt, dann wird Amanda Gorman recht behalten mit den Schlusszeilen ihres Gedichts von der Freiheit: Denn es wird immer das Licht geben / wenn wir nur tapfer genug sind, es zu sehen / wenn wir nur tapfer genug sind, es zu sein.”