Kettenreaktion im Ökosystem – Pilz tötet Frösche, daraufhin verhungern Schlangen

Netzzitat 14. Februar 2020, Spektrum.de, von Daniel Lingenhöhl

Überall auf der Welt findet die Wissenschaft Nachweise für das von Menschen beeinflusste Ökosystem. Vermutlich immer noch unterschätzt sind die Folgen, die sich aus dem weltweiten Artensterben für die Natur und damit eben auch für die Lebensgrundlagen der Menschen ergeben. Die hier verlinkte Nachricht über Froschsterben am Beispiel von Panama ist jedenfalls heute sonst nirgends zu lesen, außer bei den Experten von Spektrum.de.

Weitere Beiträge zum Thema:

Insekten werden weltweit weniger

Süddeutsche Zeitung, 23. April 2020

Käfer, Schmetterlinge und Co. schwinden nicht nur in Deutschland. Einzige Ausnahme sind Insekten im Wasser.

Von Nadine Zeller


Insektenatlas belegt Artensterben von bedrohlichem Ausmaß

Tagesschau, 8.1.2020

Es summt immer leiser: Das globale Insektensterben hat dem “Insektenatlas” zufolge dramatische Ausmaße angenommen. Eine mögliche Folge: Ein Ernterückgang von bis zu 90 Prozent bei manchen Obst- und Gemüsesorten. Hauptsächliche Ursachen für das weltweite Insektensterben sind fehlender Lebensraum, fehlende Nahrung und dazu noch Gift – heißt es im ersten “Insektenatlas” der Heinrich-Böll-Stiftung und des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND).

Zitat aus dem Vorwort: “Insektenschutz zahlen wir nicht an der Ladenkasse. Die Bäuerinnen und Bauern bekommen ihn nicht entlohnt. Genau das muss aber passieren – am besten, indem die EU die fast 60 Milliarden Euro jährlich, mit denen sie die europäische Landwirtschaft unterstützt, zielgerichtet für eine insekten- und klimafreundliche Landwirtschaft einsetzt. Nur wenn dieses Geld für Vorhaben ausgegeben wird, die uns als Gesellschaft wichtig sind, können wir solche Summen langfristig gesellschaftlich rechtfertigen. “


Nicht die Pestizide sind systemrelevant, sondern Bienen und Insekten

Der Imker Thomas Radetzki hat für seine Petition an den Bundestag rekordverdächtige Zustimmung erhalten. Mit insgesamt 71.669 Stimmen für das Verlangen nach Pestizidkontrolle ist er unter den Top 10 der erfolgreichsten Eingaben gelandet, und das bei 17000 Anträgen, die jährlich an den Bundestag gerichtet werden. Das Kampagnenteam von links: Daniela Maul, Jan Hellberg, Jan Ostrop, Thomas Radetzki, Florian Amrhein, Bernd Rodekohr.

Das Porträt des Imkers wurde veröffentlicht im Blog der GLS-Bank, 25. Februar 2019, verfasst von Bettina Schmoll:

Es ist ein stilles Sterben. Als der Imkermeister vor rund 15 Jahren bei einer Kontrolle seiner Jungvölker nur noch einige wenige tote Bienen vorfand, der Rest der Völker aber verschwunden war, dachte er noch nicht gleich daran, dass Pestizide der Grund sein könnten. Denn solche Schäden entstehen typischerweise in Folge von Varroa-Milben. Das konnte der Bienenseuchensachverständige Radetzki in diesem Fall jedoch ausschließen. Er hatte die Völker erst kurz zuvor gegen die Milben behandelt. Auch in den Folgejahren traten bei ihm und anderen erfahrenen Imker-Kollegen*innen Bienenschäden auf, die sich nicht einfach durch die Milben erklären ließen. Für den leidenschaftlichen Bienenexperten war das jedes Mal schmerzlich.

Heute sind die Ursachenforschung und die Faktenlage eine andere. 2008 starben im Rheintal tausende Bienenvölker nachgewiesener Weise durch das Pestizid Clothianidin. 2016 kam die Langzeitstudie des Entomologischen Vereins Krefeld zu dem Schluss, dass der Insektenbestand in Deutschland seit 1989 um über 75 % zurückgegangen ist, betroffen davon Honigbienen, Wildbienen und andere blütenbestäubende Insekten gleichermaßen. 2018 hat das Europäische Gericht den Freilandeinsatz von drei zugelassenen, weit verbreiteten Neonicotinoiden (siehe unten: Einmaleins) aufgrund ihrer Schädlichkeit für Bienen und Umwelt verboten. Das wirft die Frage auf, ob die Zulassungsverfahren nicht ganz anders durchgeführt werden müssten. Denn das Sterben geht schleichend weiter.

Thomas Radetzki ist für Pestizidkontrolle
Imkermeister Thomas Radetzki

Besser vorsorgen, besser prüfen

„Zum Schutz von Mensch und Biene und aller Insekten muss zukünftig das gesetzlich festgeschriebene Vorsorgeprinzip auch konsequent angewendet werden. Außerdem dürfen indirekte und langfristige Umweltbelastungen sowie Wechselwirkungen von Pestiziden nicht einfach unter den Tisch gekehrt werden, sondern müssen unter Realbedingungen untersucht und von unabhängigen Instituten bewertet werden.“ Bisher gibt es keine verbindlichen Prüfverfahren dazu, ob und wie ein Pestizid das Immunsystem und die Fortpflanzungs- und Orientierungsfähigkeit von Bienen schwächt und sie für Krankheiten anfälliger macht.

Weniger Bienen, weniger Nahrung

Was Thomas Radetzki besonders mitnimmt, ist, wenn er im Frühjahr erleben muss, „dass ein Volk, das normalerweise wie ein Hefeteig auseinandergeht und in kurzer Zeit von 10.000 auf 30.000 Bienen wächst, Waben baut, brütet, Larven versorgt, Futter sammelt, plötzlich zum Stillstand kommt und kraftlos wird.“ Gerade der Aufbruch im Frühling sei mit das Schönste, was ein Imker erleben könne. Gebremstes Wachstum von Bienenvölkern führe nicht nur zu weniger Honig, sondern auch zu Ernteausfällen, denn: „Weniger Bienen bestäuben weniger Blüten, die damit auch weniger Früchte produzieren.“

Wer ist systemrelevant?

Nach jahrzehntelangem Einsatz landen Pestizide mittlerweile regelmäßig auf unserem Tisch – und in unserem Körper. Das Deutsche Bienenmonitoring kam 2016 zu dem Ergebnis, das 96 % des Blütenpollens mit Pestiziden verunreinigt sind, zum Teil mit mehr als 10 verschiedenen. Bei einer Untersuchung von weltweit gesammelten Honigproben wurden in 75 % Neonicotinoide festgestellt. Laut Agrar-Atlas 2019 können bei 44 % der Deutschen mittels Haarproben Pestizide im Körper nachgewiesen werden.

„Wir brauchen einen Perspektivenwechsel!“, meint Thomas Radetzki „Nicht die Pestizide sind systemrelevant für die die landwirtschaftliche Produktion, sondern die Bienen und die anderen bestäubenden Insekten. Weniger Umweltgifte und mehr ökologischer Landbau bedeuten wirksamen Klimaschutz, weniger CO2-Emissionen und mehr Vielfalt.“

Mit der GLS Bank verbindet Thomas Radetzki eine lange Beziehung. Sowohl der von ihm gegründete Verein Mellifera e.V. als auch seine Aurelia Stiftung  sind Kunden. In 2013 fanden drei seiner Bienenvölker auf dem Balkon des GLS Hauptsitzes in Bochum eine neue Heimat.

Kleines Einmaleins des chemischen Pflanzenschutzes

Pestizide sind Mittel zur Schädlingsbekämpfung. „Schädling“ ist eine Kollektivbezeichnung für Organismen (Tiere, Pflanzen, Bakterien, Viren, Pilze), die vornehmlich den wirtschaftlichen Erfolg des Menschen schmälern, z. B. durch die Schädigung unserer Kulturpflanzen. Pestizide töten oder vertreiben Schädlinge oder wirken hemmend auf deren Wachstum oder Vermehrung. Die Wirkstoffe von Pestiziden können chemischer oder biologischer Art (Mikroorganismen oderViren) sein.

Insektizide sind Pestizide zur Bekämpfung von Insekten.

Neonicotinoide sind Wirkstoffe für Insektizide. Neonicotinoide werden chemisch-synthetisch hergestellt. Sie wirken besonders stark auf Nervenzellen von Insekten, stören die Weiterleitung von Nervenreizen und werden deshalb auch als selektive Nervengifte bezeichnet.

Fotos: Titel – Collette Michel, Th. Radetzki – Tobias Gerber


idw, 3.4.2019, Institut für Umweltwissenschaften Landau

Studien haben gezeigt, dass chemische Pflanzenschutzmittel, auch Pestizide genannt, in ihrem derzeitigen Einsatz schädliche Wirkung auf Ökosysteme und die biologische Vielfalt haben. Das Insektensterben ist eine Folge davon. Nach Vorgaben der Europäischen Union darf die Anwendung von Pestiziden aber nicht zu einem Rückgang der Biodiversität führen. Um diese Lücke zwischen gesetzlicher Intention und Realität zu schließen, schlagen Wissenschaftler im Rahmen einer aktuellen internationalen Studie unter Beteiligung der Universität Koblenz-Landau eine Überarbeitung des Zulassungsverfahrens für Pflanzenschutzmittel vor.


Die Stiftung Warentest hat am 30. Januar 2019 über “Bestäuber in Not” berichtet und einen umfangreichen Fragenkatalog beantwortet.

Im Beitrag der Tagesschau “Insektensterben – wie groß ist das Problem?” heißt es im Abschnitt:

Was sind die hauptsächlichen Ursachen für das Insektensterben?

 Vereinfacht ausgedrückt: fehlender Lebensraum, fehlende Nahrung und dazu noch Gift. Ein betonversiegeltes Industriegebiet ist kein Lebensraum für Insekten. Ein Maisfeld aber genausowenig. Der Mensch hat in den vergangenen Jahrzehnten systematisch dafür gesorgt, dass es für Insekten nicht mehr genügend wilde Natur gibt. Viele Arten sind extreme Spezialisten, die ganz bestimmte Pflanzenarten brauchen. Aber die Biodiversität nimmt bei uns ab – in dem Maße, in dem die Intensivierung der Landwirtschaft zunimmt.

Monokulturen, Geländeversiegelung und Pestizide machen den Insekten den Garaus – aber auch Überdüngung: Viele Schmetterlingsarten sind auf nährstoffarme Pflanzen spezialisiert. Auf einer fetten Wiese voller Löwenzahn verhungern sie einfach. Und der Nährstoffeintrag in Gewässer schadet den Larven, die dort leben.

Im Detail sind die Ursachen für die einzelnen Insektenarten unterschiedlich: Bienen werden beispielsweise von Insektiziden geschädigt, Straßenlampen stören sie eher weniger. Aber eine einzige Straßenlampe kann die gesamte Köcherfliegen-Population eines 200 Meter breiten Gewässerstreifens töten, weil sie die Tiere wie ein Staubsauger anzieht. Naturschutzgebiete machen mit nur vier Prozent der Fläche Deutschlands einen zu geringen Anteil aus und sind zu vereinzelt und oft auch zu klein, um diesem Massensterben etwas entgegenzusetzen.

Dazu passt diese Information, zitiert aus Wikipedia, Stichwort “Lichtverschmutzung“:

Insbesondere die Auswirkungen von nächtlicher Kunstbeleuchtung auf Insekten sind gut dokumentiert. Untersuchungen aus dem Jahr 2000 zeigen, dass in Deutschland an einer einzigen Straßenlampe in jeder Sommernacht durchschnittlich 150 Insekten zugrunde gehen. Rechnet man das auf die ca. 6,8 Millionen Straßenlaternen auf deutschen Straßen hoch, sind dies jede Nacht über eine Milliarde Insekten.[20] Zahlreiche andere Lichtquellen wie die Beleuchtung von Gewerbe- und Industriegebieten, Werbeflächen oder Privathaushalten sind dabei noch nicht berücksichtigt.[21]

Die Süddeutsche Zeitung berichtet am 18. Oktober 2017 unter dem Titel “Dramatischer Insektenschwund in Deutschland” über besorgniserregende Forschungsergebnisse. Die Autorin Tina Baier hat am 20. Oktober 2017 ihre Meinung dazu veröffentlicht: Rettet die Insekten , und stellt am 4.11. 2017 die “Bedrohung unserer Lebensgrundlagen” fest