Aus persönlichem und politischem Blickwinkel

Vor einigen Tagen hat mir M eine kurze Mail geschrieben, mit einem Link auf eine “kritische Zusammenfassung der Corona-Thematik.” Wir kennen uns aus dem Arbeitskreis Grundeinkommen und haben schon viele anregende Gespräche geführt, aber seit März eben nicht mehr persönlich. Ich habe ihn als skeptischen, ins Detail bohrenden Gesprächspartner erlebt und rechnete beim Öffnen des Links mit einem Beitrag, der die Erfahrungen der vergangenen Monate gründlich hinterfragen würde. Ob ihm meine Antwort gefallen hat, weiß ich noch nicht, aber er wird nichts dagegen haben, wenn ich meine Mail hier in Auszügen zitiere:

Aus persönlichem und politischem Blickwinkel”Inzwischen habe ich Deinen Video-Tipp aufgerufen – und nach 1:24 Minuten gleich wieder abgeschaltet. Ich hoffe, ich kann gut genug erklären, warum ich den Gedanken des forschen jungen Mannes nicht weiter folgen will.

Weltweit versichern die Fachleute, dass es sich bei Covid19 um eine höchst gefährliche Variante der Corona-Virusfamilie handelt. Das ist keine verhandelbare Frage mit verschiedenen Interpretationen als Antworten. Das ist der gesicherte Zwischenstand der Forschung. Daran habe ich keinen Zweifel. Wenn ich “Zwischenstand” schreibe, dann deshalb, weil ich bei fortlaufender Forschung erwarte, dass es irgendwann bessere Kenntnisse über Ursprung und Verhalten des Virus’ geben wird. Daraus wird hoffentlich eine bessere Strategie im Umgang mit der Gefahr abzuleiten sein.

Aktuell können wir wissen, dass es kein wirksames Heilmittel und keinen Impfstoff gibt. Daraus ziehe ich meine Schlüsse, aus persönlichem Blickwinkel und aus politischem. Persönlich buche ich die neue Gefahr als allgemeines Lebensrisiko, vermutlich ist der Straßenverkehr für meine Gesundheit gefährlicher.

Politisch sieht das ganz anders aus. Ich bin Teil einer großen Gemeinschaft und bekenne mich sehr grundsätzlich dazu, die Risiken in der Gesellschaft gemeinschaftlich zu tragen und auf keinen Fall diejenigen alleinzulassen, die Unterstützung brauchen. Daraus folgt in dieser Situation, dass ich bereit sein will, auf alltägliche Freiheiten zu verzichten, und bereit bin, durch Kontaktvermeidung den einzig erkennbar erfolgversprechenden Weg mitzugehen, der geeignet ist, um die Verbreitung des Virus’ zu begrenzen.

Diesem Expertenrat zu folgen ist das Ergebnis sorgfältiger Überlegungen und Prüfung von Alternativen. Ich halte es durchaus für seriös, andere Antworten auf die Krise zu geben als die in diesem Land mehrheitlich erklärte. Grob betrachtet besteht eine Alternative zur Kontaktbeschränkung darin, dem Virus freien Lauf zu lassen, bis viele Menschen die Krankheit überstanden und die genesenen Menschen Abwehrkräfte gebildet haben.

Nach meinem Kenntnisstand spricht nicht nur gegen diese Strategie, dass es eine größere Zahl von schweren Erkrankungen und Todesfolgen geben wird. Da könnten Andersdenkende nachvollziehbar einwenden, dass erst im Rückblick nach überstandener Pandemie belegbar sein wird, welche Strategie wirklich weniger Opfer gefordert hat. Doch wenn dem Virus Raum zur Entfaltung erlaubt wird, kann es besser mutieren und schlimmere Folgen für seine Wirtsleute – uns Menschen – produzieren, als wenn es durch Kontaktarmut sozusagen ausgetrocknet wird.

Das sind aber “nur” die biologischen Überlegungen. Genauso bedeutend finde ich die kulturelle Antwort auf die Frage, ob die Gemeinschaft mehrheitlich versteht und daran festhält, dass der Schutz ihrer schwächsten Glieder zugleich der Garant für das friedvolle Zusammenleben Aller ist. Daraus folgt, dass nicht kalkuliert wird, ob dies oder das mehr oder weniger kostet. Weil jedes Menschenleben in jedem Augenblick gleichwertig schutzbedürftig ist, zählt nur das, was Gefahren meidet und im Notfall rettet.

Mit diesen Überlegungen antworte ich nicht direkt auf das Video, das anzusehen Du empfohlen hast. Ich habe nach knapp 90 Sekunden abgeschaltet, weil der Autor Grippe und Covid19 verglich. In dem Moment fühlte ich mich bereits veranlasst, zu widersprechen – und ich danke Dir für den Anstoß, meinen Standpunkt zu überdenken und zu formulieren.

Dafür habe ich jetzt sogar mehr Zeit eingesetzt als für das Ansehen des Videos erforderlich gewesen wäre. Eingedenk meiner Erkenntnis, dass ich jede Minute nur einmal lebe, bin ich durchaus zufrieden mit meiner Entscheidung, diesen Text zu schreiben. Darüber hinaus freue ich mich, wenn Du meine Gedanken nachvollziehen und kritisch begleiten willst.