Anpassen heißt, Maske tragen und Alltagskontakte bewusst wählen

Zitat aus Onlinemagazin Krautreporter, 12.11.2020, Autorin Silke Jäger

Im Frühjahr haben wir gelernt: Wenn viele zu Hause bleiben, kann sich das Virus nicht mehr gut ausbreiten. Der Effekt dieser Maßnahme war sogar so beeindruckend, dass viele schon dachten, die Pandemie sei damit geschafft. Kontakteinschränkungen bringen die Zahlen runter, das haben wir uns gemerkt.

Doch eine andere Lehre haben wir aus dieser Erfahrung nicht gezogen: Kontakteinschränkungen können nur das letzte Mittel sein. Was muss eigentlich passieren, damit sie nicht nötig werden? In der Pressekonferenz des Robert-Koch-Instituts am 12. November wurde diese Frage auch gestellt. Lothar Wieler, der Chef des Instituts, antwortete darauf sinngemäß: Die Zahlen müssen niedrig bleiben. Doch wie genau schaffen wir das?

Ich bin dafür, dass wir uns nicht hilfloser machen, als wir sind. Lasst uns das tun, was einfach geht und nicht viel kostet: Maske auf!

Shutdowns sind eine Panikreaktion

Das Perfide an diesem Virus ist, dass es viele Dinge kann, die sich auf den ersten Blick widersprechen.

Es ist im Durchschnitt zehn- bis zwanzigmal tödlicher als die Grippe, während es für 80 Prozent der Infizierten offenbar keine akute Gefahr darstellt (welche Gefahr langfristig besteht, lässt sich noch nicht gut abschätzen). Es verbreitet sich am liebsten in Clustern, während sich gleichzeitig jede:r anstecken kann. Es kann viele Menschen gleichzeitig schwer krank machen, aber noch mehr Menschen bemerken gar nicht, dass sie angesteckt sind, nämlich jede:r dritte bis vierte Infizierte.

Noch dazu kommt, dass schwer zu erkennen ist, ob wir die Gefahr überschätzen, weil Corona so genau beobachtet wird, wie keine andere Infektionskrankheit, oder ob wir sie gerade unterschätzen. Denn alle Anstrengungen beim Messen helfen uns trotzdem nicht, um ausreichend zu verstehen, wie viele Menschen in Wirklichkeit gerade infektiös sind und das Virus unbemerkt weitertragen. Schwierig!

Mit dem Mittel der letzten Wahl muss man sparsam umgehen. Auch dann, wenn es „nur“ ein Wellenbrecher-Shutdown ist. Denn hier sind die Nebenwirkungen auch nicht ohne. Deshalb ist die Frage wichtig: Was machen wir eigentlich, wenn der November vorbei ist und das Ziel nicht erreicht ist, die 7-Tages-Inzidenz für Deutschland wieder auf 50 zu drücken?

Zu Shutdowns gibt es Alternativen

„Nur noch bis zum Impfstoff durchhalten!“, denken bestimmt viele. Aber ich fürchte, dieses Denken bringt uns erst recht in Schwierigkeiten. Es gibt zwar gute Neuigkeiten – der von den Firmen Biontech und Pfizer gemeinsam entwickelte Impfstoff soll nach Herstellerangaben in 90 Prozent der Geimpften wirken –, aber bis genügend Menschen geimpft sind, wird es noch dauern. Und wie viel Schutz er überhaupt bietet, weiß im Moment auch niemand. Wäre es jetzt nicht viel besser, das zu tun, was uns Menschen zu einer so erfolgreichen Spezies macht: sich anpassen?

Die Politik hat den Shutdown mit einer Zahl begründet: Laut einer Modellrechnung der wichtigsten Wissenschaftsgesellschaften müssen Kontakte auf ein Viertel reduziert werden. Das soll zwei Dinge bewirken: Das Virus soll sich so weniger schnell ausbreiten, und die Kurve der Neuinfektionen soll wieder flacher werden.Die Politik versucht es, indem sie Restaurants, Bars und Fitnessstudios schließen lässt. Was mich in der Bund-Länder-Pressekonferenz schon wunderte: Warum vergisst sie, zwei Worte zu erwähnen, die die Wissenschaftler:innen in ihre Empfehlung geschrieben hatten: „Es sei notwendig, Kontakte ohne Vorsichtsmaßnahmen auf ein Viertel zu reduzieren und dies in allen Bundesländern sowie in allen Landkreisen und Städten nach bundesweit einheitlichen Regeln durchzuführen.“

Kontakte unter Vorsichtsmaßnahmen sind auch in einer Pandemie möglich. Dazu ist wichtig, dass alle verstehen, was Vorsichtsmaßnahmen sind und sie dann auch mittragen.

Außerdem müsste jedem klar werden, dass es wichtig ist, auch dann vorsichtig zu sein, wenn die Zahlen niedrig sind. Nur so kann es überhaupt gelingen, dass wir auch noch in drei Monaten mehr von den Sachen machen können, auf die das Verzichten so schwerfällt, zum Beispiel ins Kino gehen. Auch, wenn es sich nicht so anhört: Das ist eine gute Nachricht! Denn es bedeutet, dass wir gar nicht wählen müssen zwischen Normalität und Totalverzicht. Wir haben mehr alte Normalität, wenn wir uns an die neue Realität anpassen.

Mir hilft im Alltag folgende Rechnung: Ich frage mich, mit welchen Menschen möchte ich zusammen sein, ohne eine Maske tragen und Abstand halten zu müssen? Das sind alle, mit denen ich zusammen wohne: drei. Das entspricht ungefähr einem Viertel meiner normalen Alltagskontakte. Wenn du alleine wohnst, kannst du dich auch mit drei bis vier Menschen absprechen. Alle anderen treffe ich nur noch mit Vorsichtsmaßnahmen: Corona-Warn-App, Maske, Händewaschen, Abstand, Lüften. Und wenn ich irgendwo bin, wo viele Menschen zusammen sind: erst recht.

#Maskeauf – für mehr alte Normalität!

Warum, so frage ich mich, wird diese Botschaft nicht mit allen Mitteln verbreitet?