Die Rede ist nicht von Monstern, sondern von jungen, unterernährten Menschen

Zwei Erzählungen vom Elend der russischen Armee

Die entscheidende Frage für meine Meinungsbildung lautet immer wieder und fast überall: Wem glaube ich was und warum? Selbst für die schier unglaublichen Gräueltaten der russischen Soldaten gibt es Texte, die Zusammenhänge erklären und Verstehen – auf keinen Fall mit Verständnis zu verwechseln ! – möglich machen. Zwei Beispiel dafür gibt das Online-Magazin piqd heute (14.4.2022; die Zahlen im Text verweisen auf die Links am Ende ):

Die 1966 geborene Reporterin der Süddeutschen Zeitung Renate Meinhof (1) veröffentlicht einen Essay am 8. April 2022 unter dem Titel “Erinnerungen an Sowjetsoldaten – Auf verlorenem Posten”, in dem sie erzählt, wie sie in Kindheit und Jugend in den siebziger und achtziger Jahren auf Rügen und in Potsdam Einblicke in den Alltag sowjetischer Rekruten gesammelt hat, Zitat: “Seitdem Russland die Ukraine überfallen hat, um sie zu “entnazifizieren” und “von Faschisten zu befreien”, ist man nicht mehr sicher vor den inneren Bildern, die aus der Tiefe des Gedächtnisses plötzlich aufsteigen wie amorphe Wachslachen in hässlichen Lavalampen. Sie verbinden sich mit den Bildern des apokalyptischen Gemetzels an Zivilisten im Kiewer Vorort Butscha, die jetzt, nach sechs Wochen Krieg, um die Welt gehen.”

Auf Meinhofs Text hat Jan Paersch im heutigen piqd-Letter aufmerksam gemacht; er ist freier Journalist und gehört zum Kreis der etwa 100 Autorinnen und Autoren, die für das online-Magazin (2) täglich ihre Auswahl aus dem Netz picken, um sie ihrer Leserschaft zu empfehlen. Der Titel von Paersch´s Empfehlung – “Eine Schule der Sklaven – über die russische Armee”- ist dem eigentlichen piqd entnommen, dem Beitrag des russischen Schriftstellers Michail Schischkin ( 3 ) in der Neuen Züricher Zeitung am 26.3.2022.

Der in Russland hoch geehrte 1961 geborene Autor hat als Leutnant der Reserve intimen Einblick in die damals noch sowjetische Armee gehabt und beschrieben. Sein Text in der NZZ endet mit diesen Sätzen:

“Was die Kriegsführung in der Ukraine betrifft, so gilt für die russische Armee die gleiche bewährte Taktik wie in allen früheren Kriegen: unermüdlich Soldatenmassen zu verfeuern. Russland hat einen Vorteil, der der gesamten zivilisierten Welt vorenthalten bleibt: Putin kümmert sich nicht darum, wie viele Tausende oder Zehntausende Soldaten er in der Ukraine opfert. Der berühmte «Siegesmarschall» Georgi Schukow formulierte es am deutlichsten: «Macht nichts. Russische Weiber werden noch mehr Soldaten gebären.» Putin lehnte das Angebot des IKRK ab, die Leichen russischer Soldaten aus der Ukraine nach Russland überzuführen. Das ist alles, was man über die Beziehungen zwischen der Macht und dem Fussvolk in meinem Land wissen muss. Gerade überlegte ich mir, wie ich diesen Text über die russische Armee und ihre Soldaten abschliessen sollte, da kam mein Sohn und fragte: «Papa, warum war ein griechischer Fusssoldat auf dem Schlachtfeld stärker als ein Dutzend Söldner des persischen Königs?» Ich antwortete: «Er war ein freier Bürger und verteidigte seine Freiheit, und diese waren Sklaven.»“

Nach der Lektüre dieser Leseempfehlungen stimme ich dem piqer zu: “Nicht Russen vergewaltigen, Verbrecher vergewaltigen. Ohne die Grausamkeiten während der Invasion der Ukraine relativieren zu wollen – nicht alle russischen Soldaten sind Monster. Die jungen Männer, die derzeit einen verbrecherischen Krieg führen, sind vor allem: kaum erwachsene, unterernährte Menschen.” Und ich verstehe das Fazit von Renate Meinhof: “Nein, vor diesen geschorenen Jungen hatten wir keine Angst. Ich sehe sie wieder vor mir, die Ukrainer, Kasachen, Tadschiken, Russen. Ihre Gesichter legen sich über die Gesichter ihrer Söhne, die jetzt auf Facebook oder Twitter ins Handy weinen, die gegeneinander kämpfen, auch mit deutschen Waffen. Es sind ihre Töchter und Enkel, die jetzt hier vor unserer Tür stehen.” Und ich kann nachvollziehen, wie Maichail Schischkin, der mindesten seit 2013 ein harter Kritiker des Regimes im Kreml ist, zu dieser Meinung kommt: “Jede Armee spiegelt die Quintessenz der Gesellschaftsordnung wider. Die russische Armee spielt eine wichtige soziale Rolle im Land, sie ist eine Anlaufstelle für die Éducation sentimentale. Und die russische Armee war und bleibt eine Schule der Sklaven.”


(1) https://de.wikipedia.org/wiki/Renate_Meinhof und https://www.sueddeutsche.de/autoren/renate-meinhof-1.1143305 und https://www.sueddeutsche.de/kultur/krieg-in-der-ukraine-ddr-sowjetunion-armee-1.5563328

(2) https://www.piqd.de/about

(3) https://de.wikipedia.org/wiki/Michail_Pawlowitsch_Schischkin und https://www.nzz.ch/feuilleton/ukraine-krieg-die-russischen-soldaten-kaempfen-ohne-moral-ld.1675803