Hat das Zeitalter schon begonnen, in dem niemand mehr offline ist?

Doppelgängerin aus Datenspuren versetzt das Original in Schrecken

“Wir müsen aufhören, Google als Werbemaschine zu begreifen, die den Leuten Mist andreht. Es sind die gesammelten Gedanken der Menscheit – 20 Jahre menschlichen Gedankengutes.” Dies ist einer der Kernsätze des Films, der in der ARD-Mediathek die Gefahren des Datensammelns beschreibt und auf unwiderstehliche Weise dem berühmtesten Satz aller Google-Nutzer widerlegt, die kein Problem mit dem Ausspähen haben, weil sie meinen, “ich habe doch nichts zu verbergen.” Hans Block, Cosima Terasse und Moritz Riesewick bilden die Gruppe Laokoon, und sie haben ein Projekt entwickelt, mit dem “sie untersuchen, ob es stimmt, was Studien in den vergangenen Jahren immer wieder behaupteten: dass sich anhand dieser Datenspuren mehr und Genaueres über die Ängste, Schwächen und Sehnsüchte eines Menschen erfahren lässt, als Partnerinnen oder Freunde über ihn je sagen könnten. Würden Sie es schaffen, mit Hilfe der Datenmuster einen Doppelgänger zu bauen, „der mehr über sich weiß als das Original“? So beschreibt Chris Köver auf netzpolitik.org am 27.8.2021 das Doku-Projekt Made to Measure. Der WDR zeigt den Film in der Mediathek (Link auf den Trailer), online wird Hintergrund und Werdegang des Projektes vom Autorenteam hier veröffentlicht (Link auf den Film in der Medienthek, verfügbar bis 30.8.2022) .


Was kommt nach dem Handy? fragt Adrian Kreye in der Süddeutschen Zeitung am 1.10.2021. Er hat in die Entwicklungsetagen großer Konzern gehorcht und vermittelt den Eindruck, dass sie über den nächsten technologischen Schritt schon ganz gut Bescheid wissen. Sie wollen nur noch nicht drüber reden, weil sie erst noch eine Weile Smartphones verkaufen wollen. Danach könnte es mit dem sogenannten “Internet der Dinge” einen hirnstromgesteuerten digitalen Alltag geben, in dem es “keinen Stecker mehr gibt, den man ziehen kann. Das wird nicht nur die Technik verändern sondern auch den Menschen.” Kreye hat mit Dave Eggers gesprochen, dem Autor von “Der Circle”, der mit seinem Bestseller vor acht Jahren eine “Science-Fiction-Dystopie” beschrieben habe, “die inzwischen weitgehen wahr wurde.” Eggers fantasiert in seinem neuen Buch “Every”, was passiert, wenn ein Datensammelkonzern ( zum Beispiel Google?) mit einem globalen Internetversand (zum Beispiel Amazon?) und einem Vernetzungsmonopolisten (zum Beispiel Facebook?) fusioniert und mit dem Weltkonzern Every “jeden nur erdenklichen Aspekt des Lebens erfasst.”

Zitat aus Kreyes Text: “Schöne neue Welt? Eggers ist immerhin Science-Fiction-Autor, da darf man diese Frage stellen. „Ich habe das Gefühl, dass es sich um eine radikale Artenbildung handelt“, sagt er. „Das ist eine der schnellsten Evolutionsphasen in der Geschichte der Menschheit, die sich in den vergangenen Jahrzehnten vollzogen hat. Wir haben uns von einer sehr eigenwilligen, seltsamen, wilden Art zu einer technikkonformen, unterwürfigen Spezies gewandelt, die sich mit all ihren Zweideutigkeiten des Lebens, die ich immer noch liebe, sehr unwohl fühlt.“


Außerdem passen diese Links zum Thema: heise online, 2.10.21, “Wie sieht das Internet der Zukunft aus? Das Internet Archive antwortet mit der Wayforward Machine: eine Reise ins Jahr 2046, wo Wissen mit Daten erkauft wird” / Internet Archive is a non-profit library of millions of free books, movies, software, music, websites, and more.

Und dann ist da noch der satirische Wochenrück- und ausblick von Hal Faber auf heise online: Was war. Was wird. Nach der Wahl ist vor Every Am Ende der mit neun Minuten kalkulierten bitter-frohsinnigen Lesezeit macht sich Faber über das Lob in der Süddeutschen Zeitung für das neue Buch von Dave Eggers lustig, mit Link auf den deutschen Verlag: “ Die Klotür geht erst wieder auf, wenn du dir die Hände gewaschen hast. Wird es wirklich so schlimm?” Faber kennt die Alternative:

“Ich für meinen Teil halte es lieber mit Philip K. Dick, der in seinem Roman “Ubik” (auf Deutsch mit einem Nachwort von Stanislaw Lem) uns diesen wunderbaren Dialog mit einer Wohnungstür hinterlassen hat.

Die Tür ließ sich nicht öffnen. Stattdessen ertönte eine Stimme: “Fünf Cent, bitte.” Chip durchwühlte abermals seine Taschen. Keine einzige Münze mehr, nichts. “Ich zahle morgen”, sagte er zu der Tür. Erneut drehte er am Griff, doch das Schloss blieb zu. “Was ich dir zahle, ist eigentlich ein Trinkgeld. Ich muss dich nicht bezahlen.” “Das sehe ich anders”, erwiderte die Stimme. “Bitte werfen Sie einen Blick in die Allgemeinen Geschäftsbedingungen, denen Sie zugestimmt haben, als Sie die Wohnung erwarben.”
In einer Schreibtischschublade fand er die AGB. Ganz klar: Für Öffnen und Schließen der Tür war eine Gebühr obligatorisch. Kein Trinkgeld. “Sie sehen, dass ich recht habe”, ließ die Stimme selbstgefällig verlauten. Chip nahm ein rostfreies Messer aus der Ablage neben dem Waschbecken und begann das Schloss aus der geldverschlingenden Wohnungstür herauszuschrauben. “Ich werde Sie verklagen”, sagte die Stimme, als sich die erste Schraube löste. “Ich bin noch nie von einer Wohnungstür verklagt worden”, antwortete Chip.