Heimatforscher erzählen von der Blütezeit des Walfangs - und vom Verlust des sicher geglaubten Vermögens

Bildung machte Borkums Jugend reich

Es hat im 18. Jahrhundert zwei Inseln an der langen Nordseeküste zwischen Holland und Dänemark gegeben, auf denen junge Seeleute richtig reich werden konnten. Sie stellten ihre besonderen Fähigkeiten in den Dienst Hamburger oder Amsterdamer Reedereien, die auf Walfang spezialisiert waren. Sie konnten im Durchschnitt ein Jahreseinkommen von umgerechnet 40.000 Euro erzielen, weil sie navigieren gelernt hatten, eine Fähigkeit, die damals eben nicht weit verbreitet war.
Der Borkumer Heimatforscher Tjard Steemann kann zwar nicht erklären, warum auf der Insel Föhr so gut ausgebildete Navigatoren gelebt haben, aber von Borkum weiß er es ziemlich genau. In dem Jahrhundert hat es einen Lehrer gegeben, der 45 Jahre lang die Kinder und Jugendlichen auf der Insel unterrichtet hat. Übrigens lernten nicht nur Jungen, sondern auch Mädchen von ihm lesen und schreiben, wie aus Briefdokumenten hervorgeht. Außerdem weihten die Väter ihren männlichen Nachwuchs in die Kunst der Navigation ein. Schon als Knaben durften – oder mussten? – sie im Sommer mit auf hohe See, im Winter lernten sie dazu die Theorie der Navigation.
Mit diesen Fähigkeiten waren die Borkumer Seemänner begehrte Fachleute und konnten reich werden, erzählt Tjard Steemann während seiner Führungen durch das Museum des Heimatvereins Borkum. Zwischen 1713 und 1786 war die Blütezeit des Walfangs. Die Flotten der Amsterdamer und Hamburger Reeder jagten Grönlandwale, um aus der Speckschicht der Meeresriesen Tran zu gewinnen. Damit wurden sowohl die Räume in den Häusern als auch die Straßen beleuchtet. Spätestens als Gas für den Betrieb von Laternen und Lampen den Markt eroberte, verlor der Walfang seine Bedeutung. Die Fänger wussten außerdem mit dem Fleisch der Tiere nichts anzufangen. Steemann meint, sie hätten damals besser mal die Eskimos befragt, die von den Walen mehr als nur Tran, Knochen und Öl zu nutzen wussten.
Wenngleich die Ausbildung der Jugend auf der Insel Borkum den Reichtum der Bevölkerung in fast einem Jahrhundert relativen Friedens in Nordeuropa begründet hat, so schützten die Kenntnisse von der Navigation auf See nicht vor dem herben Verlust des Vermögens an Land. Die Insulaner hatten ihr Geld in holländischen Staatsanleihen investiert, berichtet Tjard Steemann. Als die Holländer im Unabhängigkeitskrieg in Nordamerika die Franzosen gegen die Engländer unterstützten, übten die Briten Vergeltung. Sie zerstörten die holländischen Schiffe, weil die den Nachschub für Britanniens Feinde nach Amerika gebracht hatten. Damit verloren die Borkumer Seeleute nicht nur ihre Arbeitsmöglichkeiten sondern auch ihr Vermögen, denn Holland war nach den vernichtenden Schlägen der Engländer Pleite.
Für Borkum brachen vergleichsweise harte Zeiten an. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts haben die Preussen begonnen, Kurbetriebe auf den Nordseeinseln zu fördern. Tjard Steemann erzählt, wie beschwerlich die Reise zur Insel Borkum gewesen ist – und wie wenig Gastbetten für die ersten Besucher frei waren. Es ist überliefert, dass ein Schiff mit 150 Gästen anlandete, von denen 120 noch am selben Tag wieder abreisen mussten, weil sie kein Quartier gefunden hatten.
Die Borkumer Bevölkerung hatte im Sommer alle Hände voll zu tun, um Vorräte für die kalte Jahreszeit anzubauen und zu ernten sowie haltbar zu lagern. Regelmäßig fror die Ems zu, sodass die Insel im Winter monatelang von der Versorgung durch Schiffsverkehr abgeschnitten war. Heute beherbergen die 5200 gemeldeten Menschen auf Borkum und ihre 500 gemeldeten Saisonkräfte im Jahr etwa 300.000 Gäste, die in Ferienzeiten natürlich gut beraten sind, alle Möglichkeiten der Quartiersbuchung zu nutzen, bevor sie losfahren.

Heutzutage ist die Insel auch nicht mehr in Gefahr, von der Versorgung durch Schiffahrt abgeschnitten zu werden, weil die Ems zufriert. Steemann erinnert sich, dass das zum letzten Mal 1984 geschehen ist. Hier leugnet wohl niemand, dass es eine Klimaveränderung gibt, und falls Zweifel aufkommen sollten, hilft wahrscheinlich ein Blick in die sorgfältig abgelegten Geschichtsbücher des 100 Jahre alten Heimatvereins auf Borkum, um aus dokumentierten Veränderungen in der Vergangenheit die notwendigen Erkenntnisse für die Zukunft zu gewinnen. Anregungen dazu geben auch die unterhaltsamen Führungen durch das Museum nahe dem alten Leutturm, dem vor etwa 445 Jahren errichteten ältesten Gebäude auf der Insel.