Offener Brief an ...

Mein Irrtum hat einen anderen Preis als Deiner

Widersprüche sind Teil unserer Kultur und Gegensätze reizen das Neue hervor. Mit diesem Verständnis können wir aushalten, was uns trennt. Bis zu dem Punkt, an dem wir den Respekt voreinander vermissen lassen. Dann wird erkennbar, dass wir nicht mehr den offenen Meinungsstreit austragen. Dann wird die Sprache bissig, dann wird Schimpf benutzt, dann wird aus dem Austausch in Augenhöhe die Verkündung von oben herab.
An diesem Punkt sind wir nun: Du, der Du Corona nicht für gefährlich hältst, sondern für eine Keule, mit der die Demokratie erschlagen werden soll. Während ich meine Meinung aus ganz anderen Quellen bilde und ernst nehme, was unzählige Forschende in aller Welt berichten. Sodass ich mich staunend darüber freuen kann, dass „die“ Politik in demokratisch verfassten Ländern auf „die“ Wissenschaft hört und vorrangig die Gesundheit der Menschen schützen will und diesmal nicht zuerst die Profite der Besitzenden. Weil ich das glaube, hältst Du mich für naiv. Weil Du das bestreitest, halte ich Dich für verwirrt.
Es kann ja sein, dass am Ende dieser Epoche eine ganz andere Erkenntnis steht, als wir beide in diesem Moment zu erkennen vermögen. Aber eine Entscheidung fällt mir relativ leicht, ich halte sie für gut begründet: Wenn sich die Vorsichtigen irren, diejenigen, die Corona ernst nehmen und jeden Aufwand befürworten, um die Gesundheit aller Menschen zu schützen, dann haben wir alle den Preis in Form von finanziellen Kosten und wohl auch kulturellen Nachteilen zu zahlen. Wenn sich die Gegnerschaft dieser Politik durchsetzen sollte und sich herausstellt, dass sie sich irrt, dann zahlen sehr viele Menschen diesen Irrtum mit ihrem Leben und noch viel mehr Menschen mit dem Verlust ihrer Gesundheit.
Das will ich nicht – und ich glaube immer noch, dass Dir das auch nicht egal ist.

Bernd Kirchhof, im August 2021


In der Süddeutschen Zeitung stellt Claudia Henzler am 8. September 2021 wissenschaftliche Erkenntnisse über die Querdenker-Szene vor, die unter dem Titel “Die Misstrauensgemeinschaft der ,Querdenker'” erschienen sind (Campus Verlag, Frankfurt 2021. 323 Seiten, 29,95 Euro. E-Book: 26,99 Euro.) Die Konstanzer Forschenden erklären unter anderem, <wie die Protestierenden in einer “emotionalen Beweisführung” über das Gefühl auf Fakten geschlossen haben: “Wenn ich die Corona-Maßnahme als diktatorisch empfinde, handelt es sich um eine Diktatur und bei meinem Protest um Widerstand.”>


Schaden leugnen hilft – wem? – Im Juli 2020 habe ich in dem verlinkten Beitrag meine Auseinandersetzung mit einem Corona-Leugner zusammengefasst sowie eine Sammlung von Faktenchecks dokumentiert; am Ende verlinke ich auf öffentlich verfügbare Lieder von Bodo Wartke über Corona, über das Grundeinkommen und über “das Land, in dem ich leben will.”