Reportagen-Magazin zitiert Reisebericht aus dem Jahr 2013:

Willemsen beschreibt nicht den Krieg, sondern das was er mit den Menschen macht

Der lakonische Satz “Über Afghanistan ist alles gesagt, nur noch nicht von allen” klingt angesichts der Berichte über die menschliche Katastrophe ebenso hilflos wie wohlfeil dahergeschwatzt. Aber die schweizerische Redaktion des Magazins Reportagen leitet so ihre Präsentation des Reiseberichtes ein, den Roger Willemsen vor mehr als acht Jahren verfasst hat. Zitat: “Der deutsche Publizist, ein Reisender aus Leidenschaft, war mehrere Male in Afghanistan. Als Schirmherr des Afghanischen Frauenvereins besuchte er Schulen, Kliniken und von ihm gespendete Brunnen in Regionen des Landes, in die sich sonst kein Zivilist ohne gepanzertes Militärfahrzeug getraut hätte.”

Am Ende des aktuellen Newsletters, mit dem die Redaktion auf Willemsens wichtiges Werk verlinkt (High Heels am Hindukusch) wirkt die ironisierende Einleitung passend, Zitat: “Wenn man Afghanistan nach der vergangenen Woche eine Sache wünschen könnte, dann vielleicht, dass sich dem Land am Hindukusch mehr Menschen mit der Neugier eines Roger Willemsen widmen.”


Auszüge aus der Reportage High Heels am Hindukusch:

<Im Streitgespräch mit den Studenten glaubt kaum jemand an gute Zwecke aufseiten der ausländischen Truppen. Nicht an Bush haben sie geglaubt, nicht an Obama. Ein Student erhebt sich: «Die Taliban bringen Zivilisten um. Ihr bringt Zivilisten um. Wo ist der Unterschied?» Ein zweiter fällt ein: «Sagen Sie mir: Warum habt ihr solche Angst vor uns?» Ein dritter: «Ich kann es nicht mehr hören. Zu viel wurde uns versprochen, zu wenig ist geschehen. Was habt ihr erreicht? Was haben Sie erreicht?» Er zeigt mit dem Finger auf mich. Der Dozent erklärt ihm, ich sei nicht von der Bundeswehr. Er entschuldigt sich. Aber etwas bleibt. Er will wissen, was uns, was Deutschland dieser Krieg nütze. Ich erkläre, ich sähe nicht, wo jemand in Deutschland ausserhalb der Rüstungsindustrie grössere Profite mache mit diesem Krieg. Ich erwähne die Leichen von Soldaten und Hilfsorganisations-Mitarbeitern, die nach Deutschland heimkehren. Aber Schrecken zeichnet sich in den Zügen der Studenten erst ab, als ich den Zustand vorwegnehme, in dem sich die Weltöffentlichkeit von Afghanistan abgekehrt und anderen Brennpunkten zugewandt haben wird. Das will sich niemand vorstellen.>

Wilemsen besuchte Kabul und dessen ländliche Umgebung sowie das <Panjshir-Tal, den berühmten Rückzugs-Ort des Kommandanten Masud, des Führers der Nordallianz im Kampf gegen die Taliban, dessen Bild man überall in Afghanistan begegnet. … Unser Fahrer Nabil hat ehemals unter Masud gedient, der zwei Tage vor dem 11. 9. 2001 einem Taliban-Attentat zum Opfer fiel. Nabil hat damals Nägel auf die Strasse geschüttet, um die Verfolger abzuschütteln. Er nennt Masud nicht beim Namen. Aus Respekt spricht er immer nur vom «Herrn Direktor». In diesem Tal lebt der Partisanengeist noch, das Ideal eines stolzen, von Taliban befreiten Afghanistan. … Vor einem Gast-Raum bremst Nabil ab und ruft ins Innere: «Habt ihr einen Platz für Frauen und heisses Wasser?» «Beides.» Wir nehmen Nadia in unsere Mitte und hocken uns hin. Der Wirt löst sich von der hinteren Wand und begrüsst seine Gäste, fragt, von wo ich angereist sei. «Aus Deutschland.» Er sieht mein unbeholfenes Kauern. «Die Deutschen hocken nicht so gut.» Ein anderer tritt hinzu, bemerkt fachmännisch: «Man kann es ihnen nicht verübeln. Sie hocken nicht seit Kindertagen und haben eine verkürzte Wadenmuskulatur.» Der Wirt sieht auf mich herab und will mir schmeicheln: «Du siehst aus wie ein Afghane. Jetzt musst du dich nur noch zum richtigen Glauben bekennen.» Zum ersten Mal versucht jemand, mich gut gelaunt zu missionieren. Doch ich widerspreche: «Was sollte denn Gott von mir denken, wenn ich, nur weil ich in dein Café gekommen bin, gleich abschwöre?» «Aber», wendet er ein, «es gibt doch nur einen Gott.» «Warum soll ich dann abschwören?» Ein anderer Mann mischt sich ein: «Ist doch klar: Wir glauben immer, ob es regnet oder nicht. Ihr seid wählerischer.» Ein dritter kommt. «Ihr geht doch immer auf die Knie vor einem, der da so hängt.» Er macht es nach. «Das ist doch schon komisch, oder? So da zu hängen, und ihr kniet.» «Aber für euch», wende ich ein, «ist dieser Jesus doch immerhin auch ein Prophet. So falsch kann er also nicht sein.» Sie zögern. «Stimmt», sagt der Gastgeber dann. «Verzeih mir. Ich werde dir tausend Jahre dienen. Ich wollte dich nicht kränken.»


Die Reportagen-Redaktion erinnert mit dem zitierten Text zugleich an den Autor Roger Willemsen, er “starb 2016 an Krebs. Er wäre in der vergangenen Woche 66 Jahre alt geworden. Ihm gelang bei seinen Fernsehauftritten wie in seinen Texten das seltene Kunststück, ernst und unterhaltsam zu sein.” Im Newsletter heißt es: “Willemsen lässt links liegen, was von jeher die Berichterstattung über das Land geprägt hat: die Selbstmordattentäter, die nächste Offensive der Taliban. Ihn interessiert nicht der Krieg, sondern das, was er mit den Menschen macht. Er schreibt: «Es sind Menschen darunter, die nie mehr aus dem Krieg heraustreten, die sich nie mehr aus ihm lösen werden und die man anspricht, nur um sie in eine Erzählung über Kampfhandlungen einbiegen zu sehen. Während man selbst zwischendurch einen Schrecken darüber empfindet, wie schön die Leidensgeschichten die Gesichter geprägt haben, humpelt über die Strasse ein tief verdüsterter Alter und leckt ein ‹Capri›-Eis am Stiel.»


Diese Links verweisen auf Wikipedia-Einträge über Reportagen und über Roger Willemsen

Text ausgewählt von Bernd Kirchhof; als Abonnent des Reportagen-Magazins darf ich folgenden Link verbreiten:

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