Rezension: Helga Schubert - Vom Aufstehen

Kein Probeleben, nur dieser eine Versuch

Gut geschrieben nenne ich Bücher, die ich gern in einem Rutsch lese. In diese Kategorie gehört Helga Schuberts „Vom Aufstehen“, Untertitel „Ein Leben in Geschichten.“ Die erste von 29 fängt mit dem schönen Satz an: „Mein idealer Ort ist eine Erinnerung.“ Auf den ersten vier von 219 Seiten wird deutlich, dass und warum sich die Erzählerin so gern an die Sommerferienzeit bei der Großmutter in Greifswald erinnert. Und welche Rolle die Mutter für das siebenjährige Kind spielt.
Das sind die beiden Linien im Lebenslauf: Die kalte Mutter, die in der DDR wohl zum Establishment gehört, und die sensible Tochter, die in ihrer Lebenswelt verstört vom „Gefühl der Unwirklichkeit“ spricht, zuhause unverstanden.
Im Poesiealbum der Zehnjährigen stand das Zitat von Marie von Ebner-Eschenbach: „Nicht was wir erleben, sondern wie wir erleben, was wir erleben, macht unser Leben aus.“ An diese Erinnerung fügt die Erzählende hinzu: „Erst fünfundzwanzig Jahre später versuchte ich mich mit aller Macht an den Gedanken zu gewöhnen, dass dies Leben in einem eingemauerten Land wirklich mein Leben ist, also kein Probeleben für ein normales, späteres, ich hatte nur diesen einen Versuch.“
Mit 47 Jahren, 1987, durfte die privilegierte Schriftstellerin zum ersten Mal in die USA reisen. „Wieder zurück im Zwergenland“ beschreibt die unverhohlen systemkritische Autorin ihren neu gewonnenen Erkenntnisstand auf Seite 41 mit den Worten: „Ich habe weder die Reife noch die Bescheidenheit, dachte ich, um die Schöpfung nur in diesem engen Umkreis zu bewundern, ich will mir mein Maß nicht vorschreiben und meine Sehnsucht nicht nehmen lassen.“ Also erkor sie das zufällig gelesene afrikanische Sprichwort zum eigenen Leitsatz: „Wende dein Gesicht der Sonne zu, so fallen die Schatten hinter dich.“
Etwa 40 Seiten später dominiert ein anderer Blick auf die Welt: „Im Winter wird mein Leben klar und durchsichtig. Ich liebe den Winter. Das Schönste am Winter ist eigentlich, dass die Bäume keine Blätter haben. Ich werde nicht abgelenkt von ihrer wahren Gestalt.“
Kurz, aber prägend fasst die Erzählerin mitten im Buch Gedanken über das Schreiben zusammen. Sie beginnen mit dem Satz: „Ich liebe den Altweibersommer…Ich kann endlich ausatmen. Es ist wie beim Schreiben. Die Arbeit dort draußen ist nämlich getan. Das Sammeln von Schicksalen, von Sätzen….Was hier ist, ist überall, was nicht hier ist, ist nirgends, soll Buddha gelehrt haben. Dieser Satz macht auch beim Schreiben Hoffnung, denn wenn er stimmt, ist nichts unwichtig, wenn ich es nur genau genug betrachte.“
Das tief gestörte Verhältnis zu ihrer Mutter drückt die Schreibende in kalt distanzierter Sprache aus, Beispiel: „Einmal, als ihre Tochter zwanzig Jahre alt war und meine Mutter sechsundvierzig…wollte meine Mutter wieder etwas Geld borgen von ihrer Tochter, um ihr Konto zu decken, wie schon die Jahre zuvor, denn in der DDR durfte man das Konto nicht überziehen….Als ihre Tochter zum ersten Mal ablehnte und sagte, dass es doch schön wäre, wenn meine Mutter endlich erwachsen werden könnte und mit dem auskommt, was sie verdient – und das sei doch das Mehrfache ihres Stipendiums -, sprach meine Mutter zur Strafe ein Vierteljahr nicht mit ihrer Tochter.“
Von der selben Frau, von der erwähnt wird, dass sie lebenslang Schuldgefühle hatte, weil sie im Naziregime verfolgten Menschen nicht beigestanden hat, wird nun berichtet: „Drei Monate vergingen: Weihnachten, der Jahreswechsel. Schweigend standen die beiden Frauen nebeneinander in der Küche beim Brotschneiden. Da sagte meine Mutter nach einem Vierteljahr zu ihrer Tochter, die noch stillte, ganz ruhig: Wenn du doch damals nach der Flucht gestorben wärst.“
Später im Buch geht es ums Altwerden und -sein, immer wieder mit Sätzen, die sich tief einprägen können, Beispiel: „Ich komme beim Älterwerden ganz langsam in der Gegenwart an. Früher habe ich oft an die Sätze voll Missgunst denken müssen, aus der Vergangenheit zwar: Aber wie in einer Giftwolke umwehten sie mich.“
Am Ende geht es auch um Abschied, natürlich. Um Aufräumen, was die Mutter hinterlassen hatte. „Sie wollte, dass ich über sie eine Geschichte schreibe. Hast Du mit der Geschichte nun endlich angefangen, fragte sie mich, als sie schon über hundert war. Aber wie sollte ich über sie schreiben, als sie noch lebte.“
Also – dies ist nicht nur ein gutes Buch, weil es in einem Rutsch gelesen werden will, auch nicht nur, weil so viele wunderbare und verblüffende Sätze darin stehen, sondern weil es so unaufhörlich anregend ist, die Lebenslinien einer Frau nachzuzeichnen, die ihre traumatischen persönlichen und gesellschaftlichen Bedingungen innerlich distanziert und zugleich tief nachfühlend zu erzählen vermag.


Helga Schubert – Vom Aufstehen
ISBN 978-3-423-28278-9
dtv 2021


Bernd Kirchhof, im Juni 2021