Eigentlich haben die Alten mehr zu verlieren, oder?

Heute, Tag eins nach dem harten Lockdown im Landkreis Leer, würde ich gern eine Tasse Kaffe im edlen Klamottenladen trinken und nach einem Blouson Ausschau halten. Geht aber nur, wenn ich mich mit der Luca-App anmelde oder auf Papier meine Kontaktdaten notiere – aber ich habe ja Luca. Funktioniert bloß nicht auf Anhieb. Während ich mehrmals neu starte und auch bessere Lichtverhältnisse für den Scan des QR suche, lausche ich unfreiwillig einem Gespräch über die Erleichterung, die sich endlich einstellt. Dann fällt ein Satz, der mich irritiert: „Man hätte zuerst die jungen Leute impfen sollen, die die Wirtschaft am Laufen halten.“
Einen Moment lang kommt bei mir der Wunsch auf, mich einzumischen. Dann zügle ich mich und sage mir, es ist eben eine andere Meinung. Sie ist aus meiner Sicht schwer zu verstehen, weil nach Prüfung aller verfügbaren Informationen und Vergleich mit Ländern, die noch weniger fürsorgend gehandelt haben, belegbar ist: Der vorrangige Schutz von besonders gefährdeten Personen ist nicht nur humanitär geboten sondern sogar wirtschaftlich vorteilhaft.
Das glaube ich. Und das schreibe ich, weil ich weiß, dass das Wissen um beweisbare Informationen normalerweise nicht ausreicht, um Meinungen zu bilden. Man und frau muss auch glauben – wollen – was sie/er weiß.
Zum Beispiel glaube ich, dass ein Mensch wie ich, der 73 Jahre alt ist, seinen Lebensmarathon in weniger Jahren beenden muss, als Menschen im Alter von 50, 30 oder 15 Jahren. Eigentlich müsste ich mehr als Jüngere darüber lamentieren, wenn ich aus Solidarität mit gefährdeten Personen aufgefordert werde, meine Kontakte zu beschränken und meine Lebenslust zu zügeln. Ich habe zwar ein langes Leben hinter mir, aber hier geht es gerade nicht um Vergangenheit, sondern um Gegenwart und besonders um die Zukunft. Wenn es nach erwartbaren Lebenszeitanteilen geht, habe ich in zwangsweiser Stilllegung ganz sicher rechnerisch mehr zu verlieren, als die jüngeren Menschen.
Kindern und Jugendlichen wird – sozial und kulturell betrachtet – „gefühlt“ das Meiste abverlangt in dieser Pandemie. Wir alle und eben auch die jungen Leute sind zu Lebenserfahrungen gezwungen, die wir freiwillig nicht hätten machen wollen. Voraussichtlich wird niemand von uns eines Tages im Rückblick sagen, es sei nicht leicht aber lehrreich gewesen. Eher werden wir feststellen, es sei schwierig aber in der Konzentration auf die wirklich wichtigen Lebensbedingungen sehr prägend für das weitere Leben gewesen. Das muss nicht als Nachteil empfunden werden, jedenfalls nicht im Rückblick.
Diese kulturgeschichtliche Episode ist sowohl für die gesundheitlich wie für die existenziell tief betroffenen Leute sehr viel bedeutsamer als für diejenigen, die sie als erzwungenen Verzicht auf wichtige Lebensbedingungen erfahren. Das muss niemandem erklärt werden, das können wir uns alle vorstellen und gehört entsprechend eingeordnet.
Spätestens im Rückblick werden wir uns hoffentlich daran erinnern, dass wir die entscheidenden Personen in politischer Verantwortung nicht um ihre Aufgabe beneidet haben. Das Beste, was wir über ihre Arbeit sagen können, ist nicht, dass sie keine Fehler gemacht haben, sondern dass sie nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt haben. Und dass wir alle in den jeweiligen Phasen, also im Moment des erschrockenen Erkennens der tödlichen Gefahr, in Momenten der wellengleichen Bekämpfung bis zum hoffentlich nun naheliegenden Moment der Überwindung der gröbsten Gefährdungen in unserer Meinungsbildung niemals zweifelsfrei über den „richtigen“ Umgang mit den naturgegebenen Umständen gewesen sind. Das allein nötigt uns den Respekt vor der anderen, der nicht auf Anhieb verstehbaren Meinung ab.
Und das schließt eigentlich aus, das Alt sich gebeutelter fühlt als Jung. Oder umgekehrt.

10. Mai 2021, Bernd Kirchhof