Was führt zur Ablehnung von Wissenschaft?

Kultur + Moral = Politik

Psychologie: Wie Spiritualität die Wissenschaftsskepsis befeuert

Was führt zur Ablehnung von Wissenschaft? Ein Haupttreiber ist laut einer neuen Studie Spiritualität. Von Sebastian Herrmann, 3. Mai 2021, Süddeutsche Zeitung. Zitat:

Wissenschaftsfeindlichkeit sei themenabhängig und werde von vielfältigen Faktoren angetrieben, sagen Psychologen um Bastiaan Rutjens von der Universität Amsterdam. … “Insgesamt zeigte sich dabei, dass Spiritualität unter den verschiedenen analysierten Glaubenssystemen und Ideologien der wichtigste Faktor für eine allgemeine Ablehnung von Wissenschaft war”, schreiben die Forscher. Offenbar gilt dies für alle Länder und ist nicht auf esoterische Lehren im Westen beschränkt. Das spirituelle Prinzip des “intuitiven Wissens”, so die Psychologen, kollidiere eben regelmäßig mit Aussagen, welche die Wissenschaft trifft. Anders ausgedrückt: Forschung vertritt oft Thesen, die spirituell geprägte Glaubensinhalte widerlegen…Die Ablehnung von Impfungen und genetisch veränderten Nahrungspflanzen geht dagegen offenbar mit der Größe des wissenschaftlichen Grundverständnisses einher: Wer mehr weiß, ist besonders ablehnend. Dies ein weiter Beleg, dass Informationen alleine Fehlinformationen nicht effektiv bekämpfen. Es geht stets um mehr – um Werte, um Glauben, Ideologie und das süße Gefühl der Bestätigung.


Wissenschaft und Corona: Die Wahrheit ist nicht relativ

Spielt naturwissenschaftliche Evidenz in der Pandemie eine zu große Rolle? Nun, schon Francis Bacon wusste: Man besiegt die Natur, indem man ihren Gesetzen gehorcht. Von Ralf Bönt 2. Mai 2021, Zeit Online, Zitat:

Die Ähnlichkeit unserer Tage zur Zeit der Schwarzen Grippe vor genau einem Jahrhundert fällt schon auf. Es gab damals mehr Grippeopfer als Kriegstote, die Relativitätstheorie wurde bestätigt und stürzte alle Vorstellung von der Welt um. Eine beinahe ungezügelte Erneuerung in Wissenschaft, Kunst und Politik folgte. Es könnte also gut sein, dass gerade jetzt, da sich alle ausgerechnet die alte Normalität zurückwünschen, eine große Revolution ihren Lauf nimmt. Sie wird sich gewiss nicht in Digitalisierung und Diversifizierung erschöpfen. Vielmehr sind Hierarchien, wie wir sie aus der Kulturgeschichte kennen, längst unhaltbar geworden. Nicht nur hat die Gentechnik in der Impfkampagne, die ungezählte Menschenleben rettet, mal eben alle Argumente der Skeptiker alt aussehen lassen. Auch die Herausforderungen des Menschen durch neue Techniken in künstlicher Intelligenz und Transhumanismus, in der Fortpflanzung und des digitalen Gedächtnisses stellen Fragen, die man nicht mit einem vormodernen Glauben an die Verhandelbarkeit von allem und jedem wird beantworten können. Eine politische Formierung zu diesen Themen gibt es so wenig wie in Fragen der Pandemie. Ein Ende der Improvisation ist nicht in Sicht, im Gegenteil, Überforderung und Orientierungslosigkeit haben um sich gegriffen. So ist die epikureische Praxis, alles zu tun, um nicht in der Moderne anzukommen, endgültig gescheitert. Ihr erstes Gesetz hat Francis Bacon, der große Empiriker, formuliert, bevor Liebknecht es belieh. Für die Freunde des derzeit gängigen, banalisierten Begriffs von Freiheit, der nicht mal die Faktizität der Welt anerkennen will, klingt es aufregend provokant: “Man besiegt die Natur, indem man ihren Gesetzen gehorcht. Wissen ist Macht.”


Links auf Internetseiten mit diesen Themen: Die Offenheit muss wieder links sein / Die Konferenz, die Europa verändern soll / Warum du glaubst, dass du zu wenig Zeit hast, und wie du dich endlich von diesem Denken befreist. / Loblied auf den Kern der Demokratie / Dieses Blog wacht über die deutsche und die europäische Justiz / Philosophische Antworten auf die Frage: Gut regieren – wie geht das? / Leseproben aus Gedichten von Walter Benjamin, zum Beispiel über “Die Konstruktion des Lebens” / Verfassungsblog lässt einen polnischen Richter erzählen, wie die Politik das Recht beugt / Krautreporterin Theresa Bäuerlein grübelt über VerschwörungstheorienZeit Online veröffentlicht Statistik über Lebenserwartung in Deutschland / Schaubild von Katapult über Todesschüsse der Polizei / NDR interviewt Schulkritiker / Zeit Online fragt, ob Wissenschaft verlässlich ist (eigene Zusammenfassung) /  Süddeutsche Zeitung spricht mit Ngaire Woods  über einen moralischen Kompass  / Zeit Online stellt die Armutsforscherin Esther Duflo vor.

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