Der empörte Krautreporter zieht eine Grenze für Satire in Zeiten von Corona

Das falsche Wort zur falschen Zeit ist eine misslungene künstlerische Leistung – mehr nicht

Die ständig neu gestellte Frage: “Was darf Satire?” haben 28 Männer und 21 Frauen mit kurzen Videos auf Youtube (Stand 23.April, 12 Uhr) auf ihre Art beantwortet. Die darstellenden Künstlerinnen und Künstler machen sich ernsthaft lustig über das Thema Pandemie. Sie karikieren die verzweifelten Versuche, die Bevölkerung mit politischen Entscheidungen und administrativen Mitteln vor tödlichen Folgen zu schützen. Offensichtlich wollen sich die aus Funk und Fernsehen bekannten Persönlichkeiten Gehör verschaffen, weil “die Kultur” zurückstehen muss.

Das öffentliche Echo ist verheerend. Redaktionen, die sich täglich seriös der Aufgabe annehmen, eine Rangliste für bedeutende Nachrichten und Meinungen aufzustellen, empören sich prominent mit Hinweis darauf, dass hierzulande mehr als 80.000 Angehörige von Todesopfern der Pandemie und Millionen Infizierte weltweit gerade gar keine Freude daran haben können, den satirischen Einwurf der Kulturschaffenden zu verstehen; und mit Hinweis darauf, dass es einen Teil der Bevölkerung gibt, der genau dafür Beifall klatscht, weil diese Leute kein Verständnis dafür haben, alle – auch Rechte einschneidende und persönlich verstörende – Massnahmen zu ergreifen, um Krankheit und Todesgefahr zu bekämpfen.

Ich glaube nicht, dass die Gruppe der Satirischen und die Gruppe der Verständnislosen in einen Topf gehören. Eher gehe ich davon aus, dass Satire so ziemlich alles darf – und selbstverständlich mit dem Echo leben muss. Das falsche Wort zur falschen Zeit ist eine misslungene künstlerische Leistung – mehr nicht.

Keine künstlerisch aktive Person sollte davor zurückschrecken, einen Denkanstoß darstellend auszudrücken, weil Beifall von der falschen Seite droht. Es bleibt ein riesengroßer Unterschied, ob ich mit künstlerischen Mitteln an einer öffentlich bedeutsamen Debatte teilnehme, oder mit politischer Radikalität – unmaskiert – gegen die Absicht kämpfe, einen erkennbar höchst gefährlichen Schaden von Menschen abzuwenden, die dazu die Hilfe der ganzen Gesellschaft notwendig brauchen.

Bernd Kirchhof