Alltagsgeschichte - Ärztlicher Bereitschaftsdienst 116 117

Dieser Nummer muss geholfen werden

Zu den wirksamen Methoden, Gewicht abzunehmen, gehört die Gastroenteritis. Weil sie mich an einem Wochenende überfallen hat, aus heiterem Himmel, und weil in diesen Zeiten niemand eine Infektion erleidet, ohne an Covid19 zu denken, habe ich 116117 gewählt, die bundesweite Nummer für ärztlichen Bereitschaftsdienst. Das war keine gute Erfahrung.
In einem Stadium, in dem mein Körper ohne meinen Willen Magen und Darm ziemlich vollständig aufgeräumt hat, also im wirklichen Moment von Schwäche, ist es schon an sich anstrengend, am Telefon über längere Zeit warten zu müssen. Dabei war die Navigation noch ganz okay. Die Auswahl an drei oder vier Entscheidungspunkten beschränkte sich auf maximal drei Fragen und am Ende kam jeweils die Ansage, wenn ich keine Antwort hätte, solle ich einfach dran bleiben. Schließlich war noch die Postleitzahl anzugeben, dann sollte die Verbindung zum örtlichen Bereitschaftsdienst klappen.
Hat sie auch, alles in allem etwa 10 Minuten, nachdem ich die Nummer gewählt hatte. Es war also Sonntag Nachmittag, 15:50 Uhr, und eine junge freundliche Stimme fragte, wie sie mir helfen könne. Ich schilderte ohne zu sehr ins Detail zu gehen, dass ich Freitag um Mitternacht meine Mageninhalt abgeben musste und wenig später der Darm auch nichts behalten wollte, dass ich am Sonnabend nicht mal Fencheltee normal verwerten konnte, dass ich auch am Sonntag noch Mühe habe überhaupt etwas zu mir zu nehmen, und dass zu allem Überfluss eine kundige Nachbarin darauf hingewiesen habe, dass manchmal Corona auch so anfängt.
Das hätte ich vielleicht nicht sagen sollen, denn nun drehte sich das Gespräch nicht um meine Beschwerden, sondern um die Ansage, dass an Wochenenden keine Coronatests gemacht würden. Ich begründete, warum es mir trotzdem darum ging, Hilfe zu erbitten. Die junge Stimme nannte mir daraufhin die Adresse der nächstgelegenen Station des hausärztlichen Bereitschaftsdienstes. Nur Straßenname und Hausnummer. Ich fragte nach einer Telefonnummer. Die könne sie mir nicht sagen. Ich fragte, ob es sich um das Krankenhaus handele, dass nach meiner Kenntnis in der Straße liege. Das könne sie mir nicht sagen. Ich fragte, warum nicht. Das könne sie mir auch nicht sagen. Ich sagte, dass ich das nicht verstehe und verabschiedete mich trotzdem nicht unfreundlich.
Jetzt, mit einigem zeitlichen Abstand, finde ich das Ganze nicht mehr so schlimm. Ich fand mit Unterstützung meiner Frau im Internet heraus, dass die Adresse tatsächlich die vom nächst gelegenen Krankenhaus ist, und lernte dabei, dass ich die ELF-SECHS-ELF-SIEBEN gar nicht gebraucht hätte, um diese Information zu erhalten. Das wäre mit dem Suchbegriff „Arztbereitschaft“ in meiner Lieblingssuchmaschine Metager schneller und emotional genauso unbeteiligt gegangen.
Im Krankenhaus war gar nichts los, der Warteraum war leer, ich wurde aufgerufen, bevor ich mich gesetzt hatte. Der Doktor war freundlich, kompetent, erklärte was er tat und fühlte, begründete, warum Covid19 nicht zu vermuten sei und empfahl, die Ruhe zu bewahren, weiter viel zu schlafen, viel zu trinken – zwei Mal am Tag einen halben Teelöffel Salz zu einem Glas Wasser einnehmen – und verschrieb mir ein Mittel gegen drohenden Schmerz, das ich zum Glück nicht brauchte. Wie von Arzt erwartet war nach fünf Tagen das Gröbste überstanden. Und ich war sechs Pfund los.
Soweit die guten Erfahrungen, zu denen auch gehört, dass mein alternder Körper mit so einem Infekt schulmäßig fertig wird.
In Erinnerung bleibt daneben die schlechte Erfahrung mit ELF-SECHS-ELF-SIEBEN. Es ist wohl eine diskutable Kritik, wenn ich die Erwartung äußere, dass so ein Anruf mehr als diese zwei mageren Ansagen bringt: Was nicht geht (keine Coronatest am Wochenende) und wo die nächste Adresse für eine Bereitschaftspraxis ist.
Aus der Sicht einer hilfsbedürftigen Person erfüllt diese Rufnummer nur dann ihren Zweck, wenn unverzüglich eine Person am anderen Ende der Leitung abnimmt, die in der Lage ist, aus der Schilderung der Notlage mindestens einen Ratschlag für den nächsten Schritt zur Hilfe zu geben. Und wenn es nur darum geht, herauszufinden, ob die erkrankte Person den Weg zur Bereitschaftspraxis selbst gehen kann oder ob der ärztliche Dienst einen Hausbesuch machen sollte. Das habe ich dann auch erst bei Wikipedia gelernt, dass diese Möglichkeit besteht.
Ganz abgesehen davon, dass es in dieser Pandemiezeit kein Vertrauen in die ärztlichen Hilfsangebote weckt, wenn an Wochenenden nicht mal im Bereitschaftsdienst im Krankenhaus auf Corona getestet werden kann.



Linkliste:

Metager
https://de.wikibooks.org/wiki/Erste_Hilfe/_Notruf
https://metager.de/meta/meta.ger3?eingabe=Arztbereitschaft
https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%84rztlicher_Notdienst#Telefonische_Erreichbarkeit
https://www.aerzte-notdienst.de/