Es sollte eine Alternative zum zerstörerischen Kapitalismus geben

Netzzitat Dezember 2020, Luxemburg - Zeitschrift der Rosa Luxemburg-Stiftung

Nancy Fraser ist Politikwissenschaftlerin und eine der bekanntesten US-amerikanischen Feministinnen – so stellt die Zeitschrift LUXEMBURG ihre Autorin im Dezember 2020 vor. Fraser meint, der Kapitalismus sei “zwingend der Ausgangspunkt jeglicher Diskussion über Sozialismus. Die Hinwendung zum Sozialismus ist dementsprechend eine Reaktion auf Unzulänglichkeiten und Ungerechtigkeiten des kapitalistischen Systems: auf die Probleme, die es Tag für Tag hervorbringt, aber nicht lösen kann, und auf die in das System eingebauten Formen struktureller Herrschaft, die es nicht überwinden kann. Allgemeiner ausgedrückt beansprucht der Sozialismus für sich, die Missstände des Kapitalismus beheben zu können. Also: Was genau ist der Kapitalismus? Und was an ihm ist falsch?”

Fraser gelingt eine kluge Analyse der Mängel des Kapitalismus und sie fügt eine mutige Utopie dessen hinzu, was Sozialismus alternativ leisten sollte. Weitere Zitate:

“Ein zeitgemäßer Sozialismus muss nicht nur die kapitalistische Ausbeutung der Lohnarbeit abschaffen. Er muss genauso die Ausnutzung von unbezahlter Care-Arbeit sowie von öffentlichen Gütern überwinden, und die Aneignung des Reichtums, der auf der Enteignung von rassifizierten Menschen und Naturressourcen beruht, beenden. Das Ergebnis wird … eine deutlich erweiterte Konzeption des Sozialismus sein.

Der Zugang zu lebensnotwendigen Infrastrukturen und Dienstleistungen sollte rechtlich geregelt und keine Frage der Zahlungsfähigkeit sein. Dies heißt, dass die von uns produzierten Gebrauchswerte, um diesen Bedürfnissen zu entsprechen, nicht als Waren behandelt werden dürfen, sondern als öffentliche Güter. Aus diesem Grund bin ich übrigens keine Anhängerin eines (bedingungslosen) Grundeinkommens. Letzteres sieht vor, Menschen jeden Monat eine bestimmte Summe von Geld auszuzahlen, damit sie sich Dinge zur Deckung ihrer Grundbedürfnisse kaufen können. Damit aber nimmt die Befriedigung von Grundbedürfnissen eine Warenform an. In einer sozialistischen Gesellschaft sollte das Ziel sein, Grundbedürfnisse als öffentliche Güter zu betrachten. Das heißt also: keine Märkte am unteren Ende.

Vor dem Hintergrund dessen, dass der gegenwärtige Kapitalismus dabei ist, unseren Planeten und unsere Aussichten auf ein freies, demokratisches und gutes Leben zu zerstören, muss “Sozialismus” zu einer echten Systemalternative werden. Ich wäre zudem froh, wenn ich deutlich gemacht hätte, warum ein Old-School-Verständnis von Sozialismus heute nicht mehr weiterhilft. Nur mit einer erweiterten Kapitalismusanalyse lässt sich auch ein angemessenes und modernes Sozialismusverständnis entwickeln, das sämtlichen Bedürfnissen und Hoffnungen im 21. Jahrhundert gerecht werden kann.”


Linkliste: Die Zeitschrift LUXEMBURG wird herausgegeben von der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Die Beiträge der Zeitschrift werden auch im Heftarchiv auf dieser Website zugänglich gemacht.


Anmerkung zur Bemerkung über (bedingungsloses) Grundeinkommen: Frazer ordnet ihre Skepsis in den Zusammenhang mit ihrer Ablehnung von Märkten für bestimmte gesellschaftliche Bereiche ein. Dem Gedanken, öffentliche Güter zu definieren und sie den Marktgesetzen zu entziehen, kann ich viel Sympathie abgewinnen. Diesem Ziel dient in hohem Masse das Grundeinkommen, denn wer es bezieht, muss sich nicht mehr den brutalen Gesetzen des sogenannten Arbeitsmarktes unterordnen!