Über die Deutung und Bedeutung von Bildern

Mein Bild, im eigenen Erleben gespeichert

Kinder wachsen mit Bildern auf. Sie lernen von Anfang an, sich ihr Bild von der Welt zu machen. Vermutlich hören wir als Erwachsene nicht auf, ständig Bilder, die unsere Augen sehen, mit denen zu vergleichen, die unser Gedächtnis schon abgespeichert hat. So bilden wir unsere Meinungen. Wenn das Neue zum Abgespeicherten passt, kommt es leicht zur Zustimmung, wenn nicht, zur Ablehnung oder mindestens zur Irritation, vielleicht auch reflexartig zur Abwehr.

Im kleinen Kreis haben wir in diesem besonderen Sommer, als die Begegnungen zeitweise fast unbeschwert gewesen sind, über Manipulationen diskutiert, darüber wie die politische Meinungsbildung in USA und anderswo zielgerichtet beeinflusst wird. Nein, es ging nicht nur um den braungebrannten Blonden, auch nicht um die hierzulande eifernden Verteidiger von Bürgerrechten, es ging eher allgemein um die Geschichte von Propaganda.

Anstoß hat ein Buch gegeben, in dem der Lebensweg von Walter Lippmann nachgezeichnet worden ist. Verblüfft hatten wir gelesen, dass dieser im vorvorigen Jahrhundert geborene Publizist einer der einflussreichsten Journalisten und Politikberater gewesen ist und zu den meistgelesenen Autoren in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts in den USA gehörte. Er hatte der erstaunten Öffentlichkeit in den 20er Jahren erklärt, wie die us-amerikanische Gesellschaft mit gezielter Propaganda innerhalb von wenigen Monaten dazu gebracht wurde, dem Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg zuzustimmen. Dabei hatte der amtierende Präsident die Wahl auch mit dem Versprechen gewonnen, genau dies – die Beteiligung am Krieg der europäischen Staaten und ihrer weltweiten Verbündeten – zu vermeiden.

Das Besondere daran war die Kampagne, die damals eben ohne Radio und Fernsehen auskommen musste. Lippmann schilderte, wie ausgebildete Menschen – zumeist Männer – mit Auftritten bei öffentlichen Ereignissen, z.B. im Theater, mit leidenschaftlich geführten Reden für den Kriegseintritt geworben haben. Übrigens zog der Autor aus diesen und anderen Erfahrungen im Maschinenraum der Macht den Schluss, dass die Demokratie nicht einfach dem freien Spiel der Demokraten überlassen bleiben sollte. Lippmann misstraute dem Volkswillen und stritt für Expertenregierungen.

Uns hat er jedenfalls 100 Jahre nach Erscheinen seiner wichtigsten Schriften angeregt, über die Macht der Bilder zu reden – und mich über die Frage, ob es wesentlich ist, zu unterscheiden zwischen eigenen Bildern, die ich ganz persönlich mit ganz eigenem Blickwinkel gespeichert habe, und fremden Bildern, die andere Menschen aufgenommen und präsentiert haben.

Wenn im regionalen Fernsehprogramm über Unglücksfälle berichtet wird, bemühen sich die Reportageteams gern um sogenannten O-Ton, um das Interview mit Helfenden oder mit Opfern, die schockiert aber körperlich unversehrt dazu bereit sind. Neulich schilderte eine Frau, die sich knapp aus einem brennenden Haus retten konnte, ihr Erleben mit den Worten: „Es war wie im Film“. Sie nannte einen Filmtitel den ich vergessen habe. Ich habe schon oft gehört, wie Menschen ihr aktuelles eigenes Erleben erzählen, indem sie Bilder zitieren, die sie aus Medien kennen.

Wir – ich auch – rufen also Bilder, die wir im Fernsehen oder in Filmen oder in gedruckten Medien oder im Internet gesehen haben, aus dem Gedächtnis ab, um eigenes Erleben zu illustrieren. Daraus schließe ich, dass wir diese von Kameraleuten inszenierten Bilder in ihrer Eindrücklichkeit mindestens gleichsetzen mit Bildern, die wir während dem eigenem Erleben abspeichern.

Was macht das mit uns, wenn wir das unmittelbare Erleben im Bildgedächtnis aufbewahren, und daneben die Erinnerungen an fremde Bilder, die von anderen Menschen aufgenommen und mit Absichten verbreitet werden? Denn das ist allseits bekannt, aber wohl nicht allen Menschen jederzeit bewusst: Aufnahmen in Medien, auch dokumentarische und nicht nur Kunstwerke, sind absichtsvoll in Szene gesetzt.

Kann es sein, dass wir das fremde Bild gleichermaßen wahrnehmen, als wäre es selbst erlebt? Und – ist die Unterscheidung wichtig?

Als ich am 29. Februar 1948 angefangen habe, Bilder zu speichern um die Welt zu verstehen, war der Einfluss von “fremden” Aufnahmen auf den Alltag meiner Eltern noch relativ klein. Erzählte Geschichten und die Lektüre von Literatur setzten in den Köpfen der Menschen Bilder zusammen. Das Radio schaffte Ähnliches, und natürlich konnten Theater und Kino emotionale Höhepunkte erzeugen. Sonst gab es noch illustrierte Zeitschriften, Tageszeitungen brachten bestensfalls Fotos mit dokumentarischem Wert, zielten mit ihrer Bildauswahl noch nicht auf Unterhaltung und Aufregung. Ungefähr zehn Jahre später zog das Fernsehgerät in unseren Haushalt ein und erweiterte den Horizont der verfügbaren Bilder um ein Vielfaches

Zunächst handelte es sich sozusagen um anspruchsvolle Bildgebung, das einzige Fernsehprogramm hatte erklärtermassen Bildungsabsichten. Dokumentationen und Lustspieltheater sind mir in Erinnerung, ebenso wie der Programmschluss mit Nationalhymne gegen Mitternacht. Irgendwann in den sechziger Jahren, ich war noch Realschüler und Kinderarbeiter im Kiosk meiner Mutter, wurde in einem Fernsehfilm der erste Mord auf dem Bildschirm verübt. Der großartige Schauspieler Karl Lieffen verkörperte einen finster aussehenden Gesellen, der hinter den Schaukelstuhl der eigenen Mutter trat, eine Axt in der Hand. Die Mutter starb im Off, und die Nation empörte sich unter Anleitung von Bild, einem damals noch vielgelesenen Tagesmagazin für Empörungskultur.

Diese Erinnerungen markieren für mich Punkte, an denen ich verstehen will, welchen Unterschied die im eigenen Erleben gespeicherten Bilder ausmachen im Vergleich zu denen, die fremderzeugt auf unser Erinnerungsvermögen einwirken wie Ebbe und Flut, anscheinend naturgewaltig.

Das Fernsehen hat mir moralische Massstäbe vorgeführt, diese Bilder haben mich entwickelt, das will ich gar nicht leugnen. Auf die Frage, ob die Unterscheidung von eigenen und fremdbestimmten Bildern bedeutsam ist, antworte ich eher mit Ja. Aber nicht, weil ich die Einordnung gut erklären kann, sondern weil ich zur Debatte beitragen möchte, indem ich diese These aufstelle:

Der überwältigende Bilder-Tsunamie in allen Medien, auf allen öffentlichen Plätzen mit Werbeflächen, verleitet uns zu begründetem Misstrauen. Wir wissen um die große Gefahr, mit interessenorientierter Darstellung beeinflusst zu werden. Wenn wir unser Urteilsvermögen schärfen, indem wir zwischen eigener – sozusagen analoger – Wahrnehmung und fremdkontrollierter Bildgebung unterscheiden, hilft uns das persönlich und politisch im Bemühen um zuverlässige Meinungsbildung.


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Liste mit unkommentierten Verweisen auf Websites


Dank an Christiane und Klaus für die anregenden Gespräche, besonders an Klaus für den Lesetipp.