Es wird Zeit, die Erzählung von der Einheits-Erfahrung zu ergänzen

Essay über unterschiedliche Männerrollen und das große Als-Ob

Mit dem nachdenklichen Untertitel “Dunkeldeutschland – Erinnerungen aus dem gesellschaftlichen Unbewussten” erzählt Katharina Warda im Onlinemagazin Krautreporter ihre Einheits-Erfahrung, angefangen als Fünfjährige in Sachsen-Anhalt (2.10.2020.)

Am Tag der Wiedervereinigung 1990 bin ich sechs Jahre alt – danach wird meine Heimat in Sachsen-Anhalt zur Hölle. Als Kind einer deutschen Mutter und eines südafrikanischen Vaters, das in der DDR geboren ist, erlebte ich seit der Wende Rassismus, Klassismus und Abwertungen als Ostdeutsche. Heute will ich mit der einseitigen Erzählung über die Zeit brechen und spreche nicht nur über, sondern aus dem Osten.

Eine meiner Erinnerungen als Kind einer deutschen Mutter und eines südafrikanischen Vaters, das in der DDR geboren und in einer Kleinstadt in Sachsen-Anhalt aufgewachsen ist, lautet so:

1990, Wernigerode. Ich bin fünf Jahre alt. Der Griff meiner Mutter um meine Hand wird fester. Vor uns der historische Marktplatz mit dem mittelalterlichen Rathaus, täglicher Schauplatz für Hochzeiten. Als Kinder in der DDR sammelten wir hier noch fliegende Pfennige ein. Zu meiner Linken strömen Menschen herbei, die sich zusammenschließen. Zu meiner Rechten, in der Kulisse der Fachwerkhäuser eine Versammlung in Reih und Glied, ein Aufmarsch von Neonazis. Der Griff meiner Mutter wird noch fester, tut fast schon weh. Sie nimmt die Beine in Hand und verschwindet mit mir in der nächsten Gasse.