Mit Links zum Nach_denken; etwa darüber, dass der Börsenwert des Softwarekonzerns SAP in Minuten um 31 Milliarden Euro schrumpft, wirklich!

Wer weiß schon genau, wie das Geld in die Welt kommt?

Einen wesentlichen Unterschied zwischen einem Staatshaushalt und einem schwäbischen Haushalt kann Chris Vielhaus erklären, Autor des Textes “Wie die Schwarze Null unsere Zukunft zerstört” im Online-Magazin Perspective Daily am 22. Oktober 2020 . Auszug:
“Wegen Corona steigen die Staatsschulden – zulasten unserer Kinder und Enkel? Nein, sagt die Modern Monetary Theory, im Gegenteil! Warum das so ist und du (fast) alles vergessen solltest, was du über Geld weißt.

Die Realität zeigt etwa, dass sehr ausgabefreudige Länder nicht automatisch eine hohe Inflationsrate haben. So hat Japan mit einer Staatsverschuldung von 230% des BIP das mit Abstand höchste Defizit der Welt bei gleichzeitig sehr niedriger Inflation. Griechenland (176%), Italien (135%), Portugal (118%) und die USA (109%) haben auch sehr hohe Schulden und sicher ebenfalls wirtschaftliche Probleme, Inflation zählt aber auch hier nicht dazu. “

Chris Vielhaus hat beim Netzwerk Plurale Ökonomik recherchiert, “worin sich Nachwuchsökonom:innen organisieren, die klassische ökonomische Denkmuster hinterfragen wollen.” Eine Studentin in Maastricht beklagt, dass in der Oekonomie nicht einmal gelehrt werde, wie das Geld in die Welt kommt.

(Anmerkung des Redakteurs: Banken können Kredite vergeben und damit praktisch Geld schöpfen, auch wenn sie nur einen Bruchteil der Kreditsumme als Sicherheit in Form von Eigenkapital nachweisen müssen.)

Zitiert wird unter anderem “Dirk Ehnts, Ökonom, Staatswissenschaftler und Vorstandssprecher bei der gemeinnützigen Samuel-Pufendorf-Gesellschaft für politische Ökonomie: Die Idee, dass die künftigen Generationen unsere Staatsschulden zurückzahlen müssen, macht einfach keinen Sinn und ist daher völlig daneben. Solange die Zentralbank die Rechnung des Staates bezahlen kann, kann er mit Schulden leben, in welcher Höhe auch immer.”

Vielhaus erklärt dazu: “Mit Aussagen wie dieser sorgt der Ökonom Dirk Ehnts bei den meisten Kolleg:innen seines Faches für Unruhe. Ehnts ist einer der einflussreichsten Verfechter der Modern Monetary Theory (MMT) im deutschsprachigen Raum und setzt sich seit Jahren dafür ein, die Dominanz der von der Neoklassik geprägten Geldtheorie zu brechen.”


Süddeutsche Zeitung, 26. Oktober 2020, 12:43 Uhr

Software:SAP löst Kursbeben aus

Binnen Minuten schrumpft der Börsenwert von SAP um mehr als 30 Milliarden Euro und der Dax bricht ein: Die Geschäfte des Softwareunternehmens laufen nicht so wie erhofft.

Anmerkung des Redakteurs:

Der Konzern warnt entsprechend den Spielregeln an den Börsen davor, dass er seine veröffentlichten Ziele nicht erreichen kann – aber SAP macht nicht etwa Verluste, sondern nur weniger Gewinn. Viele Anleger verkaufen wegen enttäuschter Erwartungen und lassen den Kurs um ein Fünftel schrumpfen. Das sind etwa 31 Milliarden Euro. Dazu möchte ich ungeniert Äpfel und Birnen zusammenrechnen, also: SAP macht dieses Jahr mit etwa 27,2 bis 27,8 Milliarden Euro ungefähr soviel Umsatz wie voriges Jahr, verfügt aber dieses Jahr mit 4,6 Milliarden Euro über doppelt soviel CashFlow wie voriges Jahr (wenn ich die Zahlen aus dem Text von Süddeutscher Zeitung und der Nachrichtenagentur Reuters richtig zitiere.) Demnach ist das Geld in der Kasse plus der Jahresumsatz in Summe deutlich mehr als der in Minutenschnelle verbuchte Verlust an der Börse. Ist doch irre, oder?

Noch so eine kuriose Rechnung macht deutlich, wie viele Menschen von dieser gigantischen Summe ein Jahr lang leben könnten. Nehmen wir an, zur Existenzsicherung in einem europäischen Land würden durchschnittlich 1500 Euro brutto im Monat ausreichen. Das wären 18 000 Euro im Jahr. Für eine Person. Für 10 Leute bräuchte es 180 000 Euro. Für 100 Menschen reichten 1 800 000, für 1000 Menschen 18 000 000 und für 10 000 Menschen 180 000 000. 100 000 Menschen könnten ein Jahr lang von 1 800 000 000 Euro leben. Für 1 000 000 Personen, denen jeden Monat 1500 Euro bedingungslos überwiesen werden, müssten im Jahr 18 Milliarden Euro aufgewendet werden. Das heißt, von den etwa 30 Milliarden Euro, die an der Börse in wenigen Minuten einfach verschwunden sind, könnten ungefähr 1,6 Millionen Menschen in der Europäischen Union ein Jahr lang auskömmlich leben.

Obwohl ich mehrmals alle Nullen durchgezählt habe, bin ich immer noch unsicher, ob in dieser Rechnung irgend ein logischer Fehler steckt. Falls nicht, möchte ich gern eine Initiative unterstützen, die den Menschen an der Börse – und denen, die das bisher alles ganz in Ordnung gefunden haben, was dort passiert, – endlich einen verantwortungsvollen Umgang mit Werten beibringt.