Wir können erkennen, wohin es führt, wenn mit Wertabschöpfung mehr Gewinn erzielt werden kann als mit Wertschöpfung

Steuern steuern – so oder so

Dem kommunistischen Manifest ist zu entnehmen, wie sehr Marx und Engels den Kapitalismus in Gestalt der „Bourgeoisie“ für eine Leistung bewundert haben. Es ist ihm in historisch gesehen sehr kurzer Zeit gelungen, den Feudalismus als hegemoniale Gesellschaftsstruktur abzulösen. Dass damit nicht (sofort) Vorteile für die Arbeiterklasse verbunden gewesen sind, wissen wir heute nur zu gut. Marx und Engels erkannten schon vor etwa 170 Jahren die Zusammenhänge, die immer noch verhindern, dass alle arbeitenden Menschen überall auf der Welt ein würdevolles Leben führen können.

Vor allem Marx hat seine Analyse wohl sehr stark auf der Grundlage philosophischer Studien entwickelt. Diesen Hintergrund zu erwähnen scheint mir bedeutsam für den Blick auf den heutigen Kapitalismus. Der hat immer noch die Strukturen, die im Manifest so eindrucksvoll beschrieben sind. Er hat aber auch eine Geschichte hinter sich, die zu verstehen ein wesentlicher Ansatz dafür sein kann, den Impuls für den nächsten Schritt zur Entwicklung der Gesellschaft (und nicht nur der Wirtschaft) zu finden.

Der guten Quellenordnung halber bedarf es der Klarstellung, dass ich kein studierter Marxist bin; außer dem Manifest habe ich keine Schriften von Marx und Engels gelesen, meine Kenntnisse habe ich aus Texten über deren Werke gesammelt.

Laut Manifest sind die Arbeiter entweder in der Mehrzahl willenlose Opfer oder vereinzelt heldenhafte Kämpfer gewesen. Das mag zwar prosaisch und intellektuell eine zutreffende Zuspitzung innerhalb der Kapitalismus-Analyse gewesen sein, hat aber vermutlich damals wie heute nicht das kulturelle Lebensgefühl der einfach arbeitenden Menschen getroffen (sonst wäre vielleicht schon längst die erhoffte Revolution möglich und siegreich gewesen.)

Über das kulturelle Lebensgefühl von Menschen zu spekulieren ist gewiss auch ein Weg durch intellektuellen Treibsand. Ich versuch´s trotzdem in der Hoffnung, entweder selbst wieder festen Boden zu finden oder im wohlwollenden Diskurs gerettet zu werden.

Die gesellschaftliche Entwicklung unter der Dominanz des Kapitalismus versuche ich zu verstehen in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Vermutlich gehört der vorausgehende New Deal der US-amerikanischen Politik dazu, weil damit eine Art Gesellschaftsvertrag geschlossen worden ist, der den überwältigenden Erfolg von Massenproduktionen – und somit den Höhepunktes des industriellen Kapitalismus´ – erst möglich gemacht hat. Politik und (widerstrebend) die Wirtschaft haben in diesem Vertrag dafür gesorgt, dass massenhaft Kaufkraft erwachsen ist. Kritisch betrachtet lautet die Vertragsformel: Die Arbeiterschaft wird -etwas- besser entlohnt, kann also mehr konsumieren, was dazu führt, dass die Kapitalisten -erheblich- besser Kapital sammeln können. Dem Anschein nach sind damit beide Seiten zufrieden.

Die Sieger des Zweiten Weltkrieges entschieden sich dafür, diesen Weg auch den Verlierern zuzugestehen. Das erwies sich als ertragreich. Im Deutschland der westlichen Sieger erwuchs nach einer Zeit schamhafter Betriebsamkeit mit der heranwachsenden Nachkriegsgeneration in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts ein neues Selbstbewusstsein mit Anspruch an demokratische Redlichkeit. Parallel hatte sich der Erfolg des industriellen Kapitalismus heiß gelaufen. Die Ware Arbeit wurde zur Mangelware. Selbst der Import von Arbeitskraft konnte dem nicht abhelfen. Gewerkschaften hatten die Kraft von Massenbewegungen, sie setzten spürbaren Zuwachs der Löhne und Gehälter – also der Markenware Arbeitskraft – durch.

Das alles waren gute Voraussetzungen für eine selbstbewusste Arbeiterschaft und deren kulturelles Lebensgefühl. Die Massen in demokratisch verfassten Staaten schritten zur Wahl und entschieden sich mehrheitlich für die Politik, die offenkundig dem Kapitalismus näher stand als deren Alternative. Die Hegemonie der Profitorientierung konnte triumphieren.

Es folgte die Entfesselung von Märkten, insbesondere vom Finanzsektor. Bis in die siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts galt die Bindung der Leitwährung Dollar an fest bewertete Goldvorräte. Als die USA die enge Bindung Dollar/Gold aufgelöst haben und wenig später Deutschland den D-Mark-Wechselkurs vom Dollar entkoppelte, waren die Weichen gestellt, die insgesamt den Weg in eine neue Wirtschafts-Unordnung frei machten.

In den Jahren 1964 bis 1967 habe ich in Hannover beim Hersteller von Baumaschinen und Lastkraftwagen Hanomag den Beruf des Industriekaufmanns gelernt. Übrigens mehr schlecht als recht, hinterher wendete ich mich ziemlich bald anderen Erwerbstätigkeiten zu. Immerhin erinnere ich mich an die Lehre von der Preisgestaltung, beispielsweise für Maschinen. Rohstoffeinkauf, Logistik, Arbeitseinsatz und Handel waren Faktoren, die den Preis bestimmten, dazu kam die „Gewinnspanne.“

Die italienisch-amerikanische Wirtschaftswissenschaftlerin Mariana Mazzucato hat in ihrem Werk „Wie kommt der Wert in die Welt?“ eine „objektive Werttheorie“ beschrieben. Deren Faktoren „formten praktisch die Preise von Gütern und Dienstleistungen aus.“ Sie meint, schon seit der Mitte des 19. Jahrhunderts kehrte sich das um zu der wissenschaftlichen Lehre, der Wert der Dinge werde durch ihren Preis auf dem Markt bestimmt. „Damit war der Wert plötzlich Ansichtssache.“ Mazzucato stellt dazu etwas grimmig fest, Studenten der Oekonomie werden heute nicht mehr „umfassend über den Wertgedanken unterrichtet,“ … „hier wird ein intellektuell verarmter Wertgedanke als Wahrheit gelehrt und auswendig gelernt.“

Was ich über die Preisgestaltung von Industriegütern gelernt hatte, war zu der Zeit wohl noch Standard in der Berufsschule, aber vermutlich schon eine Weile nicht mehr Mainstream in der Wirtschaftswissenschaft. Ungefähr 30 Jahre nach der Lehre hatte ich in einem Zeitungsverlag als Betriebsrat Einblick in die Aufgabenverteilung in der dreiköpfigen Geschäftsführung, natürlich nur Männer. Einer der drei war relativ jung aufgestiegen, weil er das Kapital des Unternehmens außerordentlich gewinnbringend verwaltete. Vom Kerngeschäft des Unternehmens verstand er eigentlich wenig.

Die Zeitungsbranche, die früher mal so profitabel war wie Gelddruckbetriebe, war in schweres Fahrwasser geraten. Neue Medien – inhaltliche wie produktionstechnische – stellten alte Branchenerfahrungen unter Druck. Da war es sehr nützlich, wenn man die früheren Profite am Finanzmarkt einsetzen konnte, um die aktuelle Bilanz in guten schwarzen Zahlen zu halten.

Heute, weitere 25 Jahre später, blicke ich als Rentner auf eine Wirtschaftsentwicklung zurück, die ich durch Mazzucatos Erklärungen besser verstehen lerne. Sie kann zum Beispiel überzeugend erläutern, wie riesengroß und bedeutsam der Unterschied zwischen Wertschöpfung und Wertextraktion, also Wertabschöpfung ist. Auf Seite 25 des erwähnten Buches steht: „Unter >Wertschöpfung< verstehe ich die Art und Weise, in der unterschiedliche Ressourcen (menschliche, materielle und immaterielle) bereitgestellt werden, um damit im Zusammenspiel neue Güter und Dienstleistungen zu produzieren. Unter >Wertextraktion< verstehe ich Aktivitäten, die sich darauf konzentrieren, existierende Ressourcen und Outputs hin und her zu schieben, um aus dem daraus resultierenden Handel einen unverhältnismäßigen Gewinn zu ziehen.“

Schätzungen zufolge – so schreibt Mazzucato – verfügten im Jahr 2015 die 62 reichsten Individuen auf der Welt über mehr Vermögen als die Hälfte der Erdbevölkerung von ungefähr 3,5 Milliarden Menschen. Thomas Picketty hat in seinem umfangreichen Werk „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ schlüssig erklärt, wohin diese Entwicklung führt, wenn die Politik nicht gegensteuert.

Zum Beispiel mit Steuern, die wirksam steuern können. In der vielbeschworenen westlichen Wertegemeinschaft hilft es uns allen bestimmt weiter, wenn wir in der Steuerpolitik schon mal ganz grob unterscheiden zwischen der kleineren Besteuerung von wertschöpfender Wirtschaft und der höheren Besteuerung von wertabschöpfenden Einkünften.

Darüber hinaus ist absehbar, dass in der Klima-Katastrophe unermesslich hohe Werte vernichtet werden, weil Güter und Dienstleistungen nicht mit allen erkennbaren Kosten kalkuliert werden. Wir erlauben es vielen Profiteuren von Wertabschöpfungsketten, dass sie Vermögen ansammeln, weil die Gemeinschaft Kosten trägt, die eigentlich von Verursachern und Kapitalisten und auch von Konsumenten getragen werden müssten.

Einen großen Unterschied muss es in der Besteuerung von Dienstleistungen geben, die einmalig und originär erbracht werden – zB in der Medizin, der Pflege, aber auch beim Haareschneiden oder in der Bildungsarbeit – und der ganz anderen Art von Dienstleistungen, die beliebig zu vervielfältigen sind – zB in der Entwicklung von Computerprogrammen.

Zu allen Zeiten haben viele Kapitalisten gern argumentiert, bevor die Gesellschaft soziale Leistungen bezahlen könne, müsse das Geld dafür erst mal erwirtschaftet werden, müssten die Werte geschaffen werden, die dann besteuert werden könnten. Diese Erzählung ist ein gutes Beispiel dafür, welche Bedeutung für die Gesellschaft darin steckt, wer den Ton angibt. Die gleichen Leute finden nichts dabei, wenn auf dem Finanzmarkt Vermögen abgeschöpft wird, ohne dass eine echte Wertschöpfung damit verbunden ist. Mit anderen Worten: Reich werden darf man auch ohne das Geld traditionell zu erwirtschaften, aber Armut verhindern geht natürlich nicht so einfach.

Dabei mangelt es nicht am Wissen darüber, wie Kosten entstehen, wie Preise gebildet werden, wie Werte geschaffen werden und wohin es führt, wenn mit Wertabschöpfung mehr Gewinn erzielt werden kann als mit Wertschöpfung. Es mangelt daran, die Erkenntnisse von Leuten wie Mariana Mazzucato und Thomas Picketty in Medien und Politik auf die Tagesordnung zu setzen. Dann wird daraus eine andere Erzählung als die, die uns von Leuten aufgetischt wird, denen es egal ist, wie Ressourcen verwendet und verschwendet werden, Hauptsache der Profit erfüllt die Erwartung.

Drehen wir bitte die Erzählung um. Hauptsache ist doch, dass natürliche Lebensbedingungen für Pflanzen,Tiere,Menschen geschützt und nicht ausgebeutet werden, dass Menschen durch ihre soziale Rechtsordnung geschützt und nicht ausgebeutet werden. Und wenn das sichergestellt ist, mag es auch Profite zu verteilen geben.

15.Oktober 2020, von Bernd Kirchhof


Linkliste:

https://www.perlentaucher.de/buch/thomas-piketty/das-kapital-im-21-jahrhundert.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Piketty

Wissenschaft fordert Politik heraus (Rezension auf blognetz.info)

https://de.wikipedia.org/wiki/Mariana_Mazzucato

https://www.freitag.de/produkt-der-woche/buch/wie-kommt-der-wert-in-die-welt (zur Lektüre angeregt durch Maja Göpel: Unsere Welt neu denken