Neurobiologe empfiehlt einen ganz anderen Blick auf den Bildungsauftrag

Schule soll bilden, nicht bloss ausbilden

Interview des NDR mit dem Göttinger Neurobiologen Gerhard Hüther, der sich dafür einsetzt, den Bildungsauftrag der Schule neu zu bestimmen. Auszug:

Wenn man sich tatsächlich dazu durchringt, Noten abzuschaffen und die Schule grundlegend zu reformieren – wie sollte sie Ihrer Meinung nach sein? Wie könnte man Schüler zu denkenden, zufriedenen, kritischen Menschen machen, die imstande sind, ein gutes, ein zufriedenes Leben zu führen?

Hüther: Ich mache mal einen Vorschlag: Man könnte Hannover-Linden oder Hamburg-Eppendorf, also einen ganzen Stadtteil, möglicherweise eine ganze Stadt, zum Bildungscampus machen. Und dort ist jeder Ort, wo Menschen tätig sind, ein Lernort. Und dann bietet man den Heranwachsenden die Möglichkeit, sich dort umzuschauen und für einige Wochen mitzumachen und zu sehen, wie das läuft und was da alles passiert. In Geschäften, in Büros, bei Handwerkern – überall lernen die Kinder und Jugendlichen etwas, was sie für ihr späteres Leben gebrauchen können. Und wenn sie dann merken, dass es bestimmte Dinge gibt, die sie auch wissen müssten, damit sie ihr späteres Berufsleben auch kompetent ausfüllen können, gehen sie an manchen Tagen zu einem Ort, an dem früher Schule dran stand und der jetzt vielleicht Lernhaus heißt – und finden dort Möglichkeiten und kompetente Begleitung, um sich das anzueignen, von dem sie überzeugt sind, dass sie das jetzt unbedingt lernen wollen. Da ist die eigentliche Schule dann – das tatsächliche Leben.

Bis eine solche Vision Wirklichkeit wird, wird es allerdings sicherlich noch dauern. Beziehungsweise: Wer weiß, ob es überhaupt jemals so weit kommt. Gibt es denn auch etwas, das man sofort tun oder ändern kann?

Hüther: Ja, es gibt da etwas ganz Einfaches: Nehmen Sie die Schule nicht mehr so wichtig! Was dort passiert, ist für die Bewältigung des Lebens nicht so entscheidend. Das ist Ausbildung, die den Kindern natürlich auch geboten werden soll, aber auch im hohen Maße Aufbewahrung. Und vor allem, wie gesagt, Selektion. Und Eltern sollten doch eigentlich kein Interesse daran haben, dass ihr Kind in irgendwelche Töpfe gesteckt wird, mit dem Ziel, von nachfolgenden Ausbildungseinrichtungen entweder akzeptiert oder abgelehnt zu werden. Es sollte ihnen doch darum gehen, dass ihr Kind sein Leben meistert und glücklich wird im Leben. Und ob es das mit einem Einser-Abitur und einem tollen Berufsweg erreicht, der über ein Studium führt, oder ob das Kind seine Liebe zum Handwerk entdeckt und dort seine Erfüllung findet, das ist mir egal. Das möchte ich den Kindern auch nicht vorschreiben.

Das Interview führte Andrea Heußinger.

Link auf die 33 Minuten lange Sendung DAS! vom 21.August 2020, in der der Neubiologe Hüther zu Gast gewesen ist.