Gedanken zur ungehaltenen Rede von Achille Mbembe

Einfalt schafft Ödnis

Achille Mbembe beschreibt einen schonungslosen Blick auf die menschenfeindlichen Bedingungen dieser Erde. Doch in ihren Randzonen gibt es Hoffnungspunkte. Dort dominiert während der Bedrohung durch die Pandemie eben nicht der Marktwert, dort wird die Rettung von Menschenleben höher gesetzt als die materielle Bilanz von Verlust und Gewinn.
Diesen Weg gehen nicht zufällig jene Länder, die offen und konsequent ihre Minderheiten schützen. Gesellschaften, die diesen Kern demokratischer Werte nicht nur gesetzlich verfassen, sondern darüber hinaus im Alltag leben wollen, können in der aktuellen Bedrohungslage beweisen, dass sie lebenswerter aufgestellt sind als sogenannte illiberale Demokratien.
Wenn in Gesellschaftskritiken von „Postdemokratie“ die Rede ist, soll das Wort offenkundig den Eindruck erwecken, die Demokratie habe es nicht geschafft, ihre Kraft und Wirksamkeit für die Entwicklung der Zivilisation zu beweisen und müsse abgelöst, oder mindestens eines ihrer Kernwerte beraubt und „illiberal“ weiter geführt werden. Dieser Meinung darf mit Blick auf die Geschichte entgegen gehalten werden, dass die Demokratie (so unbestimmt sie gelegentlich als Begriff ausformuliert sein mag) das Sprungbrett für den Weg in die Freiheit zu körperlicher und geistiger Selbstbestimmtheit von Individuen war, ist, und bleiben kann. Dafür bedarf es unserer kraftvollen Bereitschaft, die niedergeschriebenen Menschenrechte zu verteidigen, um sie endlich im alltäglichen Leben der Menschen erfahrbar werden zu lassen.
Die Auffassung, Leben sei materiell bewertbar, führt in direkter Linie zum Anspruch, natürliche Ressourcen auszubeuten. Wenn es den politischen Willen gäbe, in konsequenter Anwendung des Marktkonzeptes die Vor- und Nachteile der Naturnutzung zu erforschen und alle Kosten denen zuzuordnen, die die Gewinne anstreben, wären vermutlich viele wirtschaftliche Projekte nicht mehr realisierbar. Salopp gesagt gilt stattdessen die unlautere Marktregel, nach der Gewinne privatisiert und Verluste sozialisiert werden.
Die Covid19-Pandemie erzwingt so oder so einen Moment des Stillstandes. Die Marktfreunde rechnen dann schnell durch, ob es sich lohnt, dem Virus freien Lauf zu geben, oder ob es mehr Aussicht auf Begrenzung von Verlusten bietet, aktuell und radikal die Ausbreitung zu verhindern. Die Menschenfreundinnen machen da nicht mit, weil sie wissen, dass es keinen geeigneten Rechenschieber für den Umgang mit Natur gibt.
Erforschen und verstehen wollen, was in der Natur geschieht, ist zweifellos ein ganzheitlicher Prozess und zugleich eine unendliche Geschichte. Jeder kleine Erkenntnisgewinn kann den Menschen helfen, sich in einer lebenswerten Umwelt einzurichten. Und für die Entwicklung der Demokratie kann die Lehre der Natur helfen, dass die Vielfalt der Lebensarten möglich und nebeneinander für alle Beteiligten von Vorteil ist, während dort, wo Einfalt herrscht, der Lebensraum unweigerlich zur Ödnis wird.

Autor Bernd Kirchhof, angeregt von der ungehaltenen Rede des Philosophen Achille Mbembe


“Am 14. August sollte der Philosoph und Historiker Achille Mbembe die Ruhrtriennale in Bochum mit einem Vortrag eröffnen. Sein geplanter Auftritt löste eine große Debatte aus, nachdem der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, Mbembe wegen Passagen in seinem letzten auf Deutsch erschienenen Buch “Politik der Feindschaft” des Antisemitismus bezichtigte. Hunderte von Wissenschaftlern aus der ganzen Welt, auch aus Israel, nahmen Mbembe gegen die Vorwürfe in Schutz. Da die Ruhrtriennale inzwischen wegen Corona abgesagt ist, kann Mbembe seine Rede nicht halten. Wir drucken sie hier in minimal bearbeiteter Form ab,” schreibt die Süddeutsche Zeitung am 8. August unter der Überschrift “Was wirklich zählt.”

Zitat: “Es ist bekannt, dass es in den ärmsten Regionen der Erde keine Versicherung oder Unterstützung gibt, falls man vorübergehend oder länger in Elend und Armut fällt – eine Konstante im täglichen Kampf ums Überleben. Hier ist schon in gewöhnlichen Zeiten die Gleichheit vor dem Tod ein Mythos. Das Recht auf Existenz ist nichts wert, solange es nicht verbunden ist mit dem, was daraus folgt, dem Recht auf Versorgung mit dem Lebensnotwendigen….Wann kehren wir zu der Vorstellung zurück, dass das Leben das ist, was keinen Preis hat? Ohne einen Preis geht das Leben auf das zurück, was jenseits jeder Bemessung ist. Es kann weder gezählt noch gewogen werden. Es ist schlicht unkalkulierbar.”