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Im ersten Schritt das Armutsproblem greifbar machen

Esther Duflo hilft den Ärmsten der Welt, indem sie zusammen mit ihnen experimentiert. Ein Gespräch mit der Nobelpreisträgerin in der ZEIT, Interview: Georg Blume und Uwe Jean Heuser 6. November 2019. Zitat:

DIE ZEIT: Frau Duflo, was macht Ihre Arbeit für die Ärmsten so besonders?

Esther Duflo, französisch-amerikanische Ökonomin, Foto de.wikipedia,org, 2009.

Esther Duflo: Ich versuche das oft unüberschaubar große Problem der Armut in kleinere, besser identifizierbare Probleme aufzuteilen, für die sich Lösungen finden lassen. Ich frage zum Beispiel nicht: Warum sind Leute arm? Warum lernen ihre Kinder nicht genug in der Schule? Ich frage: Wenn wir die Klassengröße verkleinern oder die Lehrerkapazität ausbauen, lernen die Kinder dann mehr? Der erste Schritt ist also, ein Armutsproblem greifbar zu machen. Erst dann führen wir Experimente durch, die auf diese Fragen Antworten geben.

…”ZEIT: Armutsbekämpfung ist jahrtausendealt. Die christliche Kirche pflegt sie seit Jahrhunderten. Verstehen Ökonomen wie Sie das heute besser als alle vor Ihnen?

Duflo: Die Schönheit unserer Botschaft liegt darin, dass wir von der Notwendigkeit Abstand nehmen, Expertise zu liefern. Für uns ist die Einsicht sehr wichtig, dass wir als Ökonomen ständig Fehler machen. Aber nicht nur Ökonomen liegen falsch. Die Kirche lag lange Zeit falsch. Selbst die Leute vor Ort liegen oft falsch. Das ist aber alles okay. Fortschritt ist nur möglich, wenn wir aus Fehlern lernen. In diesem Sinne vermittelt unsere Arbeit nicht unbedingt neues Wissen, sondern liefert neue Werkzeuge, mit denen sich die Produktion von Wissen verändert.