Über Forschung, Moral, Kultur

Reichtum und Katastrophen:”Ungleichheit ist sehr widerstandsfähig”

Nach tödlichen Pandemien ging es oft den Reichen an den Kragen. Der Historiker Walter Scheidel erklärt, was die Vergangenheit lehrt und warum nach der Pest mehr Menschen Pelz getragen haben. Süddeutsche Zeitung, 13. Juli 2020, von Bastian Brinkmann ; Zitat:

Europa lebt in Frieden, unsere Gesundheitssysteme sind im Vergleich zur Pest gut gerüstet – die Reiter der Apokalypse haben abgesattelt. Was bedeutet das für die Ungleichheit?

Es gibt nicht nur die vier apokalyptischen Reiter, es gibt auch die vier großen Stabilisatoren, die dafür sorgen, dass die bestehende Ordnung widerstandsfähiger sein wird. Zum einen ist da der Massenwohlstand. Staaten mit einem jährlichen Pro-Kopf-BIP von ein paar Tausend Dollar und mehr haben nie wirklich große Bürgerkriege oder gesellschaftliche Zusammenbrüche erlebt. Die Ärmeren haben dann auch etwas zu verlieren, und der Staat ist besser ausgestattet, um Unruhen abzufedern. Der zweite Stabilisator ist das soziale Sicherheitsnetz. Das muss nicht großzügig sein, Hauptsache es verhindert Massenarmut mit Hunger und Obdachlosigkeit. Das hält Revolutionen hintan. Der dritte Stabilisator ist die lockere Geldpolitik der Notenbanken, die in der Finanzkrise überraschend gut funktioniert und harte Einsparungen unnötig gemacht hat. Der vierte Stabilisator ist die Naturwissenschaft. Wir können mittlerweile ein Coronavirus innerhalb nur eines Monats sequenzieren. Tausendfach experimentieren Forscher rund um die Welt, um Behandlungen und Impfstoffe zu finden. Vor zehn Jahren gab es das so noch nicht. Diese vier Entwicklungen machen große Umwälzungen der bestehenden Ordnung immer unwahrscheinlicher. Also werden auch größere Reduktionen der Ungleichheit unwahrscheinlicher.

Wer umverteilen will, kann diese Forderung also vergessen?

Das ist nicht schwarz-weiß. Es gibt sehr wohl Strategien, um Ungleichheiten ein wenig zu reduzieren, vor allem in den Gesellschaften, in denen sie sehr hoch sind. In Schweden wird sich da nicht mehr sehr viel ändern lassen, aber die USA oder Brasilien haben ein großes Potenzial. Man müsste nicht zu besonders radikalen Maßnahmen greifen, um das durchzusetzen. Man darf nur nicht erwarten, dass man den Zauberstab schwingt und mit ein paar Gesetzen zurückgeht zum Zustand der Fünfziger- oder Sechzigerjahre. Das war ganz außergewöhnlich. Diese Situation kehrt nie zurück.