Aktuell: Es ist eine Herausforderung, bei so viel Komplexität nicht dem eigenen Lieblingsnarrativ zu erliegen

Die Viruskrise

Corona-Demonstrationen:”Es wird ein Protest mit Relevanz versehen, der keine hat”

Die ZEIT will in der Corona-Krise “die Deutung der Lage nicht allein den Virologen überlassen” und fragt deshalb in einer Reihe von Interviews Geistes- und Sozialwissenschaftlerinnen, worüber sie gerade nachdenken. Hier lautet die Frage: Die Verschwörungstheoretiker und Anti-Hygienedemonstranten spalten die Gesellschaft? Das ist eine mediale Verdrehung der Tatsachen, meint der Soziologe Harald Welzer. Interview: Elisabeth von Thadden ; 24. Mai 2020, Zeit-Online

ZEIT ONLINE: Was soll das sein, gelungene Aufklärung?
Welzer: Die Bedrohung durch die Pandemie wurde durch die Forschung öffentlich erörtert, politisch in Handlungsempfehlungen und Verordnungen übersetzt und die Bevölkerung ihrerseits, die Informationen verglich und diskutierte, war aufmerksam und wach, bereit, sich überzeugen zu lassen und war in der Folge mit den Regeln weitgehend einverstanden. Gesellschaft und Regierung sind seit Anfang März partnerschaftlich vorgegangen, ein Vorgang wechselseitigen Lernens, den man sich nur in aufgeklärten Gesellschaften vorstellen kann: Fantastisch! Diese einsichtsfähige und verzichtsbereite Haltung der weit überwiegenden Mehrheitsbevölkerung ist viel zu wenig gewürdigt worden. Darin sehe ich einen unguten Paternalismus. Dabei hätte die proaktive Haltung der Bürgerinnen und Bürger wirklich alle Aufmerksamkeit verdient, als eine beachtliche Ressource der Demokratie.

ZEIT ONLINE: Der demokratische Pluralismus beachtet die Minderheiten.

Welzer: Na klar tut er das. Und die Meinungsunterschiede in der Deutung der Krise müssen ausgetragen werden. Aber die Wahrnehmung einer gespaltenen Gesellschaft, die jetzt verbreitet wird, ist doch ganz unrealistisch! Was hat es denn mit Spaltung zu tun, wenn ein paar tausend Leute, unter ihnen ein paar Wahnsinnige und viele Rechte, auf die Straße gehen? Da wird ein Protest mit Relevanz versehen, der keine hat.

ZEIT ONLINE: Und wenn Sie auf die nun viel zitierte Zeit “danach” sehen: Was genau ist die Aufklärungschance durch Corona?

Welzer: Ich gehöre nicht zu denen, die daraufsetzen, dass die Krise alles neu macht, etwa durch einen starken Aufwind für Klimapolitik. Nein, Gesellschaften wollen nach solchen Erschütterungen zur Normalität zurückkehren. Und dennoch steckt in der Pandemie eine Aufklärungschance sondergleichen: Im Dornröschenschlaf des Lockdowns ist das Bild der Gesellschaft wie eingefroren, wie stillgestellt besonders klar zu erkennen. Jetzt sehen wir, wie skandalös die Fleischindustrie arbeitet, jetzt zeigt sich unabweisbar, wie Erntehilfe funktioniert. Den Ausnahmezustand auszuhalten, war und ist ungeheuer produktiv: Unsere Gesellschaft war auf Erwartungen und deren stetige Erfüllung abgestellt, aufs Immer-Weiter-So-Gehen. Jetzt erst sehen wir im stillgestellten Bild, wie der Normalbetrieb wirklich aussieht. Darin liegt eine einmalige Chance der Selbstaufklärung.