Aktuell: Es ist eine Herausforderung, bei so viel Komplexität nicht dem eigenen Lieblingsnarrativ zu erliegen

Die Viruskrise

Philosoph setzt voll auf Selbstverantwortung

Der Philosoph Julian Nida-Rümelin über die Verantwortung des Einzelnen in der Corona-Krise, den Schutz von Risikogruppen und die zwei Wege, die er sieht, um Gesundheitssystem und Wirtschaft intakt zu halten. Interview von Johan Schloemann ; 24.Mai 2020, Süddeutsche Zeitung

…Daher sollten wir alles tun, damit der Gesundheitsschutz effektiver wird und ein möglichst großer Teil der Bevölkerung möglichst rasch wieder aktiv werden kann – damit unser Gesundheitssystem und die Ökonomie intakt bleiben. Dafür gibt es zwei Wege.

Welche?

Erstens: Zwangsmaßnahmen werden nicht für alle aufrechterhalten, sondern nur für diejenigen, die am meisten betroffen sind. Oder zweitens – und das ist der Weg, den ich befürworte: Wir leben in einer freiheitlichen Gesellschaft, letztlich ist es eine Entscheidung jeder einzelnen Person, wie viel Risiko sie für sich übernehmen will. Wenn Neunzigjährige ihre Enkel sehen wollen in den letzten Lebensmonaten oder -jahren, dann dürfen wir ihnen das nicht verbieten. Zwangsmaßnahmen mögen temporär notwendig sein, um das Gesundheitssystem nicht zu überlasten – aber danach muss man so schnell wie möglich wieder auf Freiwilligkeit umstellen.

Schutz heißt nicht Isolierung, heißt nicht: mittelalterliche Maßnahmen. Es geht doch um Zuwendung, um soziale Nähe, um Briefe, Anrufe, auch um Besuche, wenn man zwei Meter Abstand hält. Und zugleich muss man Infektionswege unterbrechen. Wir dürfen uns jetzt nicht alle in Ichlinge verwandeln. Der Ausdruck soziale Distanz ist ein Unding!