Aktuell: Es ist eine Herausforderung, bei so viel Komplexität nicht dem eigenen Lieblingsnarrativ zu erliegen

Die Viruskrise

Momentan haben wir einen gigantisch starken Staat

Wir leben in einer kollektiven Entschleunigung, aber nutzen sie nicht. Wie wir dem Hamsterrad entfliehen und Neues aufbauen können, erklärt der Soziologe Hartmut Rosa. Interview: Carla Baum ; 26.Mai 2020, Zeit-Magazin Online

ZEITmagazin ONLINE: Wie könnte denn ein neues ökonomisches und gesellschaftliches System nach der Corona-Krise aussehen?  

Rosa: Das weiß ich auch nicht genau. Aber eines sehen wir schon jetzt ganz klar: Im alten System gab es eine Disbalance zwischen den entfesselten Märkten und einem immer handlungsschwächeren Staat. Momentan haben wir einen gigantisch starken Staat. Wenn selbst Donald Trump jetzt General Motors vorschreibt, dass sie Beatmungsgeräte produzieren sollen, sieht man daran schon mal eines: Es ist sinnvoll, wenn die ökonomischen Institutionen der Gesellschaft dienen müssen und nicht umgekehrt. Das sollten wir schaffen: dass wir die Ökonomie wieder in den Dienst der gesellschaftlichen Bedürfnisse stellen. Und auch auf der Ebene des gemeinschaftlichen Handelns entsteht gerade viel Gutes.