Aktuell: Es ist eine Herausforderung, bei so viel Komplexität nicht dem eigenen Lieblingsnarrativ zu erliegen

Die Viruskrise

Das Virus ist Treiber gesellschaftlichen Wandels

Das amerikanische Soziologen-Ehepaar Saskia Sassen und Richard Sennett streitet über Corona als Treiber des ökonomischen und gesellschaftlichen Wandels – und hat erstaunlich viel Freude an der neuen Realität; Interview: Götz Hamann und John F. Jungclaussen Die Zeit Nr. 23, Zeit-online editiert am 5.Juni 2020

ZEIT: Sie meinen tatsächlich, dass sich unsere Wirtschaftsordnung durch das Virus und die Folgen grundlegend verändern kann?

Sassen: Das Virus hat in der jüngeren Generation auf eine erstaunliche Weise neue Fantasie freigesetzt, ja, das denke ich. Es verändert beispielsweise die Art, wie wir uns urbanes Leben vorstellen können. In diesem Sinne ist das Virus ein Akteur, ein Treiber gesellschaftlichen Wandels.

ZEIT: Was bedeutet all das, worüber wir gesprochen haben, für die Weltordnung nach Corona?

Sennett: Das Virus markiert den Verlust der amerikanischen Hegemonie in der Welt, auch ideell. Niemand, der sieht, wie die USA mit dieser Pandemie umgehen, kann hinterher sagen: Diesem Vorbild wollen wir nacheifern.

ZEIT: Der französische Wirtschafts- und Finanzminister Bruno le Maire befürwortet bereits öffentlich eine merkliche Deglobalisierung, also eine Rückführung.

Sassen und Sennett: Selbstverständlich!

ZEIT: Das führt aber zu Wohlstandsverlusten, gerade für normale Menschen in Europa. Denn die globale Arbeitsteilung hat viele Güter sehr viel preiswerter gemacht.

Sassen: Das ist zu einem gewissen Grad unvermeidlich.

Sennett: Es geht darum, eine Balance zu finden. Damit China und Europa einander am Ende gleichermaßen brauchen.