Aktuell: Es ist eine Herausforderung, bei so viel Komplexität nicht dem eigenen Lieblingsnarrativ zu erliegen

Die Viruskrise

Kluges Wort: Unser Verhältnis zur Natur ist einigermaßen gestört

Kann man mit Viren irgendwie Frieden schließen? Ein Gespräch mit Alexander Kluge über das Frühjahr des Jahres 1945, Risikogruppen und sein neues Buch “Russland-Kontainer”. Interview von Lothar Müller in der Süddeutschen Zeitung, 18.4.2020. Zitat:

Einer Ihrer Grundsätze lautet: Was kaputt ist, kann man reparieren. Was werden wir reparieren müssen?

Ich glaube schon, dass unser Verhältnis zur Natur einigermaßen gestört ist. Es geht nicht nur um die Verteilung der Güter in der Welt. Wenn alle Schutzmasken in China produziert werden und alle Medikamente in Indien, dann haben wir ein konkretes Problem, dann fangen wir wieder mit der Naturalwirtschaft an und produzieren in den Nähereien der Stadttheater Gesichtsmasken. Unsere Gesellschaften sind reparaturbedürftig.”

Weiteres Zitat:

An sich ist die Fantasie ein Fluchttier, sie sucht Auswege, hört auf Warnungen, wenn Gefahr droht, will sie fliehen. Und dann wird sie erzogen, zum Soldaten, zum kritischen Bürger, zum Kantianer. Da steckt ein Irrtum drin.

Die Fantasie ist ein Fluchttier, heißt das, sie ist ein Warnsystem?

Beim Kasperletheater können ja die Kinder aus den Fehlern des Kasper sofort ablesen, was richtig ist. Hinten kommt das Krokodil, der Kasper sieht es nicht, sie rufen es ihm zu. So ähnlich kann man jetzt die Reaktionen von Trump beobachten. Er hat das Krokodil nicht gesehen. Jetzt ist das Krokodil da. Sein Selbstbewusstsein bleibt aber ungeknickt, er hat das Temperament eines Siebenjährigen. Aber auch er spürt, die Pandemie ist eine Demütigung für uns Menschen.