Alltagsgeschichte

Bedingungsloses Trinkgeld

Vielleicht hat sie sich innerlich ganz aggressiv geschämt?

Ups sagt die Frau, nachdem sie den Kaffee etwas zu hart auf den Tisch gestellt hat. Aus der Tasse ist etwas auf die Untertasse geschwappt. Die Serviererin rückt den Löffel gerade und geht ohne aufzublicken davon. Verblüfft überlege ich kurz, ob ich hinter ihr herrufe und eine Serviette zum Trocknen der Untertasse erbitte. Dann nehme ich die kleine beiliegende Serviette, weil ich annehme, dass es der Frau eigentlich peinlich ist, dass sie aber keine Zeit hat sich um die Folgen zu kümmern – und wohl auch nicht gelernt hat, einen Fehler bei der Arbeit einzugestehen.

Ihr Kollege hat das vorher auch nicht gekonnt, jedenfalls nicht sofort. In dieser ungastlichen Stätte ist es üblich, die Ware zu bezahlen, lange bevor sie geliefert wird. Das kann nicht daran liegen, dass die Leute massenhaft die Zeche prellen, denn wir befinden uns auf dem Fährschiff Ostfriesland. Auf dem Weg von Emden nach Borkum kann niemand ungeschoren davonkommen, der sich nicht an die Regeln hält.

Es sei denn, er oder sie gehört zum Personal, wie der Kellner, der in dem Raum mit etwa einem Dutzend Tischen bedient. Eigentlich will er wohl ganz nett sein, wie sich im Gespräch mit den beiden jungen Frauen am Nebentisch gezeigt hat. Sie wollen nichts bestellen, da hat er sie erst mal gebeten, den Raum zu verlassen, denn hier herrsche Verzehrzwang. Eine von beiden bestellt nun ein Getränk und die andere sagt, sie überlege noch, da zeigt sich der Kellner von der noblen Seite und erklärt, eine Bestellung würde genügen, sie dürften beide sitzenbleiben. Finde ich echt nett.

Als er sich umdreht und ich ihm ein Zeichen gebe, weil ich weiß, was ich bestellen will, murmelt er nur „komme gleich wieder“ und geht, um die Bestellung von der jungen Frau an die Küche zu melden. Es dauert gar nicht wirklich lange, bis er wiederkommt und ich meinen Kaffee und das Brötchen mit Tomaten/Mozzarella-Belag bestelle. Nun nennt er den Preis, den er sofort kassieren will: 12,40 Euro. Ich antworte, das kann nicht sein, ich habe 8,80 ausgerechnet. Er blickt auf sein Pad-artiges Gerät, tippt darauf herum, eilt an einen anderen Tisch, kommt wenig später zurück und sagt „Entschuldigung“, er habe wohl den Kaffee aus Versehen zweimal eingetippt. Das erklärt zumindest den angesagten Preisunterschied.

Inzwischen hatte ich Zeit, mir zu überlegen, ob ich bei meinem Vorhaben bleibe und großzügig von 8,80 auf 10 Euro aufrunde. Meine Frau ist nicht dabei, sie schimpft oft, wenn ich bei kleinen Summen aufrunde und mehr als zehn Prozent Trinkgeld gebe. Dazu neige ich, weil ich weiß, dass das Personal im Gastgewerbe grundsätzlich schlecht bezahlt wird.

Manchmal, so wie heute, verstehe ich auch, dass jemand, der eigentlich gar nicht dafür ausgebildet ist, trotzdem einen schlecht bezahlten Job macht, weil er oder sie eben Geld braucht. Wegen so kleiner Fehler muss ich ja nicht gleich meine Trinkgeldgewohnheit über Bord werfen, auch nicht auf einem Fährschiff.

Also gebe ich Trinkgeld wie immer. Darüber habe ich dann nochmal nachgedacht, als die Frau Ups sagt und nichts weiter tut, um den verschütteten Kaffee von der Untertasse zu wischen. Vielleicht gehört sie zu den Leuten, die sich innerlich ganz aggressiv schämen können und das nach außen auf keinen Fall zeigen wollen.

Niemand macht gern Fehler, denke ich. Niemand arbeitet gern zu schlechten Bedingungen für zu wenig Lohn. Bis es eines Tages das bedingungslose Grundeinkommen gibt und die Leute nur noch Jobs machen, die auch zu ihren Talenten passen, bleibe ich dabei, bedingungslos Trinkgeld zu geben.

Allerdings hätte ich auf dem Festland beschlossen, das Restaurant in Zukunft zu meiden.