Krautreporter interviewt Philip Kovce, den Streiter für das Grundeinkommen

Gesellschaftsvertrag nicht Hals über Kopf aufsetzen

Netzzitat Montag, 20.4.2020, Krautreporter, von Rico Grimm

Der Sozialstaat, “wie wir ihn kennen“, ist weder krisenfest noch zukunftsträchtig, meint Philip Kovce. Der Buchautor gehört zu den Aktivisten, die in der Schweiz für eine Volksabstimmung gestritten haben. Rico Grimm sammelt im Online-Magazin Krautreporter bereits seit mehreren Jahren Informationen und Meinungen über das Bedingungslose Grundeinkommen. Er hält es für eine wichtige Idee zur gesellschaftlichen Entwicklung und meint, es sollte gerade in dieser Coronazeit sobald wie möglich eingeführt werden. Er stellt Philip Kovce unter anderem die Frage, Zitat:

Wie würden Sie ein solches Grundeinkommen finanzieren, wenn die Steuerbasis – wie aktuell – wegbricht?

Zwar ist jetzt der Zeitpunkt, wo ein Grundeinkommen besonders fehlt, aber es ist jetzt ehrlich gesagt auch der Zeitpunkt, wo es besonders schlecht einzuführen ist. Das liegt gar nicht so sehr an seiner Finanzierung, die in Ausnahmesituationen genauso wie dieser Tage bei Bürgschaften, Krediten oder Zuschüssen mittels Rücklagen oder Schulden erfolgen kann. Der Zeitpunkt, ein Grundeinkommen einzuführen, ist momentan vor allem deshalb schlecht, weil es eigentlich gar keine Notlösung für akute Einkommensengpässe ist. Dass es diese auszuschließen hilft, ist bloß ein positiver Nebeneffekt.

Hauptsächlich geht es beim Grundeinkommen um die Frage, wie wir künftig miteinander leben und arbeiten wollen. Das Grundeinkommen bedeutet in dieser Hinsicht eine große Transformation, da es Arbeitszwang de facto abschafft und damit reale Freiheit für alle ermöglicht. Das ist revolutionär und betrifft alle – von der Kita bis zum Altenheim. Solch ein neuer Gesellschaftsvertrag sollte nicht Hals über Kopf aufgesetzt, sondern ebenso besonnen wie beharrlich ausgehandelt werden.

Kovce ist Philosoph und Ökonom und hat im Interview von Krautreporter Rico Grimm die Meinung vertreten, die Konstruktion des Sozialstaates stamme aus der Zeit Bismarckscher Sozialgesetze. Damals “hatte der Otto Normalarbeiter noch einen Industriepatriarchen als Chef, der ihn lebenslang in seiner Fabrik verschliss, eine Hausfrau, die lebenslang am Herd stand und in Heimarbeit ein Zubrot verdiente, sowie einen Rentenanspruch ab 70, den er nicht einlösen konnte, weil er bereits mit 50 tot umfiel. An diesen Verhältnissen hat sich inzwischen alles geändert – außer dem Sozialstaat!