correctiv-Faktenchecker erwarten mehr Antworten auf drängende Fragen

Wissenschaftler reden lieber nicht über Fake-News

Das Recherche-Magazin correctiv leistet der interessierten Öffentlichkeit einen guten Dienst mit regelmäßigem Faktencheck, das heißt mit der Prüfung von in allen möglichen Medien kursierenden Falschmeldungen. Zumeist handelt es sich bei den sogenannten Fake-News um Behauptungen, die einen beweisbaren Kern haben oder die sogar frei erfunden sind, die jedenfalls Verunsicherung schüren sollen gegen amtliche Mitteilungen, Gesetze, Verordnungen, Urteile, Parlamentsbeschlüsse und auch gegen wissenschaftlich begründete Standpunkte. Faktenchecker stellen sich also der manchmal schwierigen Aufgabe, Falschmeldungen zu identifizieren, indem sie den Unterschied zwischen einer kritischen Meinung bzw. neu interpretierten Darstellung und einer bewussten Verfälschung von beweisbaren Informationen herausarbeiten.

Das gemeinnützig verfasste Magazin correctiv hat heute (2.4.2020) ausführlich dargestellt, welche Probleme die Redaktion in den vergangenen Wochen im Kontakt mit Wissenschaftlern und amtlichen Quellen gehabt hat (Link 1 am Ende des Textes.) Immer wieder seien Anfragen unbeantwortet geblieben, wenn sie ausdrücklich mit Bezug auf die Absicht gestellt worden seien, Falschmeldungen im Zusammenhang mit dem Coronavirus aufzuklären.

Die Redaktion thematisiert damit das wesentliche Merkmal von Meinungs- und Pressefreiheit, nämlich die Transparenz öffentlichen Handelns und die damit verbundenen Auskunftsverpflichtung. Der steht in diesem Fall gegenüber, dass die angefragten Institutionen sich das Recht nehmen, zu entscheiden, dass sie in diesem Moment andere Aufgaben wichtiger finden als ihre Zeit und Kraft für die Aufklärung von Falschmeldungen einzusetzen.

Es bedarf reiflicher Überlegung, um in diesem Spannungsfeld zu dem Schluss zu kommen, dass ich die Wissenschaftler besser verstehen kann, als die Kollegenschaft von correctiv. Zwei Argumente sprechen aus meiner Sicht dafür:

  • Die unbedingte Konzentration auf die wesentlichen Aufgaben in einer zugespitzten Krise muss der Wissenschaft, aber auch der staatlichen Exekutive zugestanden sein; wie im Journalismus hat auch in der Wissenschaft jede Person das Recht, zu bestimmen, welche Aufgabe zuerst und welche nachrangig bearbeitet wird. Das bedingt ohne Abstrich, dass sich alle handelnden Personen unverzüglich der kritischen Überprüfung ihrer Entscheidungen stellen müssen, übrigens nicht erst nach Ende der Krise.
  • Fake-News gewinnen ihre Bedeutung im Maß ihrer Beachtung. Deshalb ist es zwar einerseits verdienstvoll, wenn sich correctiv und weitere Medien mit der Aufklärung der Falschdarstellungen und am besten auch noch mit der Aufdeckung der Motive für die Absichten der Lügner befassen. Andererseits bedeutet es im Umgang mit bewusst gestreuten Unwahrheiten für alle Aufklärer, dass sie immer im Blick haben sollten, ob sie mit dem Bemühen um Klarstellung das Geschäft der verlogenen Urheber von Falschnachrichten betreiben. Wenn Wissenschaftler mit nachvollziehbarer Begründung entscheiden, dass sie den Fake-News momentan keine Aufmerksamkeit widmen wollen, haben sie mein volles Verständnis. Auch wenn das für Redaktionen zur Folge hat, dass ihr Bemühen um Aufklärung schwieriger wird, weil eine wichtige Quelle für korrekte Informationen temporär nicht mitmacht.
Bernd Kirchhof

Link 1: Wie das Robert Koch-Institut die Gerüchte-Pandemie unterschätzt

Zitat: Deutschland bekämpft mit allen Mitteln den Ausbruch der Corona-Pandemie. An eines hat jedoch kaum einer gedacht: den Einfluss von Desinformation. Das Robert-Koch-Institut und weitere Einrichtungen geben Faktencheckern selten Auskunft. Das kann gefährlich sein.

Link 2: Ein wesentlicher Teil des gemeinnützigen Projektes correctiv ist die Bildungsarbeit in der “Journalistenschule für jeden”, in diesem Monat mit zwei kostenfreien Kursen, Thema: “Was ist Fake, was ist Fakt? Lernen Sie, Falschmeldungen zum Coronavirus zu erkennen” . Auf der Internetseite von correctiv können sich Interessenten dafür einen Gutscheincode herunterladen.