Dokumentarfilm in der ARD-Mediathek

Ärzte missbrauchten Kinder für Medikamentenversuche

Das Schicksal von Heimkindern in der Nachkriegszeit bis in die späten 1970er Jahre ruft heute zu recht große Empörung hervor. Wie düster und bedrückend die Kinder von Erziehungsberechtigten in kommunalen und kirchlichen Heimen gedemütigt und von Medizinern für fehlgeleitete Forschungsprojekte ausgenutzt worden sind, wird in dem Film von Daniela Schmidt-Langels emotional berührend dargestellt (ARD, 3.2.2020, “Versuchskaninchen Heimkind”). Ehemals drangsalierte Kinder schildern, wie sie heute noch unter den Folgen von Medikamentenversuchen leiden. Und die Enkelin des verantwortlichen Arztes einer Klinik verzweifelt daran, von den schrecklichen Taten des eigenen Großvaters zu erfahren.

So weit, so eindrucksvoll. Bilder und Kommentare in der Dokumentation passen zu dem empörenden Geschehen vor mehr als 50 Jahren. Politisch heute noch empörend ist es, wenn sich Institute und Unternehmen weigern, an der Aufklärung der Ereignisse mitzuwirken. Auch das wird zu recht – und eher zu behutsam – in dem Film angesprochen.

Dagegen wird eher zu wenig darüber berichtet, wie vorbildlich sich die Klinik im niedersächsischen Wunstorf und das Sozialministerium des Landes darum bemühen, alle verfügbaren Dokumente zu finden und öffentlich zugänglich zu machen. Ebenso kommt die Rolle des Vaters einer Protagonistin zu kurz. Deren Großvater hatte sich schon in der Nazizeit schuldig gemacht, als er an der Euthanasie beteiligt war. Er hätte niemals in der jungen Bundesrepublik eine verantwortungsvolle medizinische Aufgabe übernehmen dürfen. Hat er aber. Die konnte er sogar seinem Sohn sozusagen vererben.

Der hat immerhin in den siebziger Jahren dafür gesorgt, dass mit Asmus Finzen ein ärztlicher Leiter des Wunstorfer Landeskrankenhauses berufen wurde, der radikal mit der düsteren Praxis der Behandlung von Personen, die nicht zur gesellschaftlichen Norm passten, gebrochen hat. Zuvor hatte der Sohn aber als Leiter des Landeskrankenhauses die Praxis seines Vaters fortgesetzt, auffällige Kinder mit völlig untauglichen Methoden zu untersuchen, um herauszufinden, ob deren Verhalten auf Hirnschäden zurückzuführen seien. War es natürlich nicht. Ebenso setzte er die Praxis fort, Kinder mit Medikamenten ruhig zu stellen, deren Wirksamkeit für die therapeutische Absicht nicht bewiesen waren. Schamlos ließen sich diese Mediziner noch von der Pharmaindustrie dafür bezahlen. Ihr Handeln war auch nach damaligen Rechtsnormen nicht legitimiert.

Das alles haben Wissenschaftler und Politiker im Herbst 2018 bei einem Symposium in Wunstorf angeprangert. Politisch hat sich die Bundestagsfraktion der Linken Ende 2018 mit einer öffentlichen Veranstaltung um Aufklärung bemüht. Dort kamen diejenigen zu Wort, die selbst betroffen waren. Andere im Bundestag vertretene Parteien haben sich dieses Themas bisher nicht in vergleichbarer Intensität angenommen. Beide Veranstaltungen werden in der Dokumentation nicht erwähnt. Was also zu kurz kommt in dem Film ist ein Blick auf die aktuelle politische Einordnung der damaligen gesetzeswidrigen Misshandlung von Kindern und auch von Erwachsenen.

Es ist aller Ehren wert, wenn sich die niedersächsische Sozialministerin Reimann bei Betroffenen im persönlich gehaltenen Brief entschuldigt. Ebenso verdient die einfühlsame Arbeit der Stiftung Anerkennung und Hilfe gebührenden Respekt. Darüber hinaus muss die Forderung von im Film zitierten Wissenschaftlern, das Geschehen in aller Offenheit und Sorgfalt zu dokumentieren, auf die politische Tagesordnung.

Diese Forderung wirkt umso brisanter, wenn sich in der Politik wieder gefährliche Meinungsbilder ausbreiten, die erschreckende Ähnlichkeit mit den wirren Auslesetheorien haben, die vor mehr als 150 Jahren wissenschaftlicher Mainstream gewesen sind. Sie haben den Boden bereitet für die Verbrechen der Nationalsozialisten – und für Verbrechen von Ärzten, die noch in der Bundesrepublik ohne jedes Mitgefühl Kinder misshandelt und für fehlgeleitete Forschung missbraucht haben.

Noch ein Aspekt spricht für die dringende öffentliche Aufklärung – eine betroffene Frau hat in Wunstorf darauf hingewiesen: In der Nachkriegszeit waren es die schutzlosen Kinder, die würdelos behandelt worden sind, heute sollten wir genau hinschauen, wie mit pflegebedürftigen alten Menschen umgegangen wird.

Autor Bernd Kirchhof, verheiratet mit Marita, die als siebenjähriges Kind in Wunstorf von den widerrechtlichen Untersuchungsmethoden betroffen gewesen ist.

ARD Mediathek

Fachgespräch der Linksfraktion im Bundestag am 14. Dezember 2018

Klinikum Region Hannover, Psychiatrie Wunstorf

Stiftung Anerkennung und Hilfe