Buchkritik: Uwe Timms Roman Ikarien

Im Sehnsuchtsort kippt die Idee vom Weg in die bessere Welt

Es sind ganz schmale Pfade, auf denen diejenigen wandeln, die energisch diese Welt verbessern wollen. Sie sollten alle Uwe Timm lesen. In dem Roman Ikarien spannt der Autor den Bogen vom hoffnungsvollen Studenten, der ein charismatischer Anhänger sozialistischer Ideen ist, zum konsequenten Wissenschaftler, der die Welt nicht bloß mit Ideen sondern mit medizinischen Mitteln zum Platz für edle, schöne, gute Menschen machen will.

Dafür will er natürlich Ordnung schaffen, aussortieren, was nicht dem Ideal entspricht. Dafür benötigt er die Idee von der überlegenen Rasse. Nur wer deren Merkmale erfüllt, darf an der Fortpflanzung teilhaben. Alle anderen werden entweder medizinisch an der Möglichkeit zur Fortpflanzung gehindert oder – ganz ohne Argwohn ob des ungeheuerlichen Zivilisationsbruches – einfach getötet.

Und damit sind wir bei den schamlosen Mördern, die sich NationalSozialisten genannt haben. Sie wären wohl ohne die Wissenschaft von Rasse und Auslese müheloser als das erkannt worden, was sie waren: Verbrecher eben, Brecher der Gesetze und Vernichter der ethischen Ordnung, die ihren Ursprung in der Jahrtausende alten Geschichte der Religiosität hat.

Uwe Timm beginnt seine Geschichte mit dem Bild von einem Jungen, der nach dem Ende des Krieges jauchzend durch Hamburg tanzt, der mit dem Besen die Wolken wegschieben will, der von anderen Kindern gehänselt wird. Die Mutter, die weiß, dass dieser Junge zwölf Jahre von seinen Eltern versteckt worden ist, weil er sonst zu den Aussortierten gehört hätte, fragt ihr hänselndes Kind: „Warum tust Du das?““Weil er komisch ist.““Nein, er ist nicht komisch, nicht böse. Kinder können böse sein. Er nicht. Er tut niemandem etwas. Er wird immer ein wenig Kind bleiben.“ Ein staunenswerter Dialog. Der Erzähler merkt an: „So ungefähr war das Gespräch. Und mit ihm verbunden das Gefühl der Scham, jemanden verraten zu haben, um anderen zu gefallen.“

Danach geht es erst richtig los. Der Autor webt mehrere Erzählstränge zu einem Buch, das ich allein schon deshalb ein gutes nenne, weil es das Kriterium erfüllt, mich so in seinen Bann zu ziehen, dass ich mit dem Lesen nicht aufhören mag. Ein Offizier der US-amerikanischen Armee erhält den Auftrag, mit Befragungen von Zeitzeugen das Unfassbare, den Holocaust, irgendwie nachzuzeichnen. Die Sieger suchten zu verstehen, was zu den monströsen Verbrechen geführt hat.

Der deutschsprechende Offizier, Anfang 20, dessen Eltern aus unpolitischen Motiven nach Amerika ausgewandert waren, befragt den 81jährigen Antiquar Wagner. Der gehörte gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu einem damals illegalen Zirkel von Anhängern sozialistischer Ideen. Uwe Timm lässt prominente Zeitgenossen wie Gerhart Hauptmann und seine zwei Brüder auftreten, womit auch der Satz seinen weiteren Sinn bekommt, der über der Impressumsseite steht: „Nicht alles ist frei erfunden, aber alles ist frei gestaltet.“

Damit ist vor allem der Werdegang von Alfred Ploetz gemeint, dem Protagonisten, der im weiteren Buch fast nicht mehr namentlich sondern nur noch „Freund“ des befragten Buchhändlers genannt wird. Proetz, der Charismatiker, der schon 1895 wirklich ein wissenschaftliches Werk über „die Tüchtigkeit unserer Rasse“ geschrieben hat, der dem Antiquar die Frau wegschnappt, die er eigentlich als Brautwerber aufsucht. Die beiden Anfang 20jährigen Idealisten fahren nach Ikarien in Texas, dem Sehnsuchtsort europäischer Sozialisten. Was sie dort erleben, all die kleinbürgerlichen Händel der Kommunardengemeinde, das lässt den ehrgeizigen Wissenschaftler zum Rassenhygieniker mutieren. Lebenslang widerspricht der feinsinnige Antiquar dem Freund und Nobelpreiskandidaten, der nicht nur in Deutschland Anhänger für seine Elitentheorie findet.

Es gäbe viel zu zitieren, ohne die Lektüre des empfehlenswerten Buches vorwegzunehmen. Ein Gedanke bleibt für mich besonders bedeutsam: Auslese, die Charles Darwin in der Natur beobachtet und als Prinzip vom Werden und Vergehen so glaubwürdig beschrieben hat, spukt weiter in den Köpfen von Wissenschaftlern – und von Kapitalisten. Sie halten Auslese für steuerbar. Sie verkennen, dass die Natur komplexer funktioniert als selbst die ausgefeiltesten Rechenmodelle von Menschen beschreiben könnten. Sie verdrängen vor allem die kulturelle Erfahrung, dass mit dem Schutz der Schwachen, der Kinder, der Alten, auch der Kranken und Verirrten, die Kraft der Starken Nahrung findet.

Wer das Schwache ausmerzen will, möge bis an das Ende des Prozesses denken und feststellen, dass er unvermeidlich selbst an die Reihe kommen wird, weil es immer die partiell oder temporär Stärkeren geben wird. Irgendwann wird die letzte starke Person eine extrem einsame Figur abgeben.

Dank an Uwe Timm, der die Gedanken angeregt hat – und an Rolf, der mir das Buch empfohlen und geliehen hat.

Bernd Kirchhof

https://de.wikipedia.org/wiki/Uwe_Timm

Ikarien, 2017, Kiepenheuer und Witsch, ISBN 978-3-423-14696-8

https://de.wikipedia.org/wiki/Ikarien