Reden darüber, ob jemand und wenn ja wer aus Liebe handelt

Ein Essay von Bernd Kirchhof, angeregt von einem zufälligen Gruppengespräch über Sex in der Arche auf Borkum

Wenn ein evangelisch-lutherischer Pastor Kur- und Urlaubsgäste auf der Insel Borkum zum Gespräch über „erfüllte Liebe“ in das Gemeindehaus Arche einlädt – Titel: „und sie erkannten sich,“ dann geht es um Sex. Mit dem Wort „erkennen“ haben die Autoren des Alten Testamentes ( Frauen waren wohl nicht darunter ) nun mal umschrieben, was Menschen lustvoll miteinander treiben, wenn Triebe Regie führen. Und der Pastor hat offenbar den Plan, den Rahmen im Gespräch über Liebe weit zu spannen, bis hin zur Frage, warum enttäuschte Liebe oft in Gewalt umschlägt.
Der Gastgeber rezitiert anfangs ein Gedicht von Dorothee Sölle (1) mit dem Titel „Meine Angst – Deine Angst.“ Es geht darin um Verlust, um das Ende von Beziehungen, das unweigerlich spätestens mit dem Lebensende kommt. Es geht auch um die kleineren Abschiede, um Momente der Entfremdung, die alle Liebenden kennen und vor denen sich wohl auch alle fürchten.
Es folgt die Geschichte von Abigail und Gregor, dem Liebespaar, das von einem schier unüberwindlichen Hindernis getrennt an den Ufern eines Flusses ohne Brücken leben muss. Die junge Abigail sucht verzweifelt einen Weg zu ihrem Geliebten und trifft auf den Fährmann Sindbad. Der würde sie über den Fluss bringen, verlangt aber als Maut ein Schäferstündchen mit Abigail. Sie lehnt entrüstet ab, grübelt später doch unaufhörlich, ob sie den Preis zahlen kann. Sie fragt ihre Mutter um Rat, bekommt aber zur Antwort, sie sei nun erwachsen und müsse allein entscheiden. Nach einer schlaflosen Nacht geht sie zum Fährmann, zahlt die Maut und kommt über den Fluss. Nach glücklichen Stunden mit Gregor erzählt sie in aller Offenheit, zu welchen Bedingungen sie es geschafft hat, zu ihm zu gelangen. Gregor zeigt sich maßlos enttäuscht und verstößt Abigail. Sie irrt verwirrt durch den Wald, trifft den Jäger Snuff, dem sie den Anlass für ihre Verzweiflung erzählt. Der empört sich heftig, geht zu Gregor „und haut ihm eine rein.“ Abigail sieht das und lacht befreit, damit endet die Geschichte.
Danach zitiert der Pastor aus dem ersten Kapitel der Bibel. Darin gestaltet Gott bekanntlich alles zu seinem Wohlgefallen und stellt schließlich „dem Mensch Adam das Weib Eva zur Seite.“ Der Pastor meint das sicher nicht so sexistisch, wie es im Buche steht, aber er zitiert eben korrekt. Bald kommt die Erkenntnis ins Spiel, zunächst als Baum, dessen Früchte verboten sind, dann als Ergebnis der genossenen Frucht, „sie erkannten, dass sie nackt waren.“ Nun ist der liebe Gott schwer enttäuscht, weil er diese Art von Erkenntnis doch ausdrücklich verboten hat. ER verurteilt die verführerische Schlange zum ewigen Kriechen und den Menschen und sein Weib zum Leben außerhalb des Paradieses. (Anmerkung von mir: ER hätte ja auch liebevoll Fehler verzeihen können, aber das ist eine andere Geschichte – und dann wäre die Bibel wohl nicht so ein gewichtiges Buch geworden.) Der Pastor erwähnt schließlich die unterschiedliche Rolle von Sexualität in der Bibel. Im Alten Testament gehöre sie dazu, im Neuen erscheine sie tabu. Im Neuen steht allerdings die nach Pastorenmeinung umfassendste Definition von Liebe im Korintherbrief (2) des Apostels Paulus, kurz gefasst: alles ohne Liebe ist sinnlos, alles mit Liebe ist höchst menschlich und vorbildlich christlich.
Zuerst möchte der Pastor über die Geschichte von Abigail ins Gespräch kommen. Es geht um die Frage, ob jemand und wenn ja wer aus Liebe handelt. Zwölf Frauen und sechs Männer beteiligen sich mit zumeist sehr persönlichen Meinungen.
Lange Zeit wogen die anregenden Beiträge von Frauen hin und her. Die einen verstehen Abigail, andere halten ihr Handeln für falsch. Ein Mann stellt Gregor an den Pranger, der selbst nichts tut, um zu seiner Geliebten zu kommen, aber die aufopferungsvolle Abigail verstößt. Viele denkbare Gefühle vor allem von Abigail und ihrer Mutter werden nachgezeichnet. Bis ein Mann ungefähr nach einer anregenden Diskussionsstunde in seiner ersten Wortmeldung erklärt, er sehe im Verhalten aller Beteiligten einen jeweils eigenen Ausdruck von Liebe. Eine Frau meint daraufhin in ihrer ersten Wortmeldung, sie sehe bei allen die Abwesenheit von Liebe: Abigail verhalte sich eher wie eine Süchtige, Sindbad handele triebhaft und selbstredend nicht liebevoll, Gregor denke an sich und seine Moralvorstellungen, die Mutter verweigere den Ratschlag – okay – aber auch das Gespräch über eine schicksalhafte Frage, das sei sicher lieblos; und der Jäger als Schläger sei ebenfalls weit weg von Liebe.
Der Pastor moderiert behutsam und resümiert nach 90 Minuten, was aus seiner Sicht Liebe ausmacht: Kontakt – Vertrauen – Solidarität.
Das bleibt ohne Widerspruch, wenngleich es dem plakatierten Thema nur mit weit gefasstem Verstehen nahe kommt, es lautete doch: „Und sie erkannten sich – erfüllte Liebe als Tor zum Frieden.“ Aber das ist im Rückblick egal, viel bedeutsamer ist das Gemeinschaftserlebnis, in einer Kirchengemeinde mit Fremden über Sex und dazugehörende Gefühle zu reden. Danke, Herr Pastor.


Mir geht es jedenfalls danach wie den Menschen, die aus dem Rathaus kommen und denen man nachsagt, sie seien hinterher schlauer als vorher. Ich war zwar einer der ziemlich schweigsamen Männer, der zugleich die redegewandten und auch die offen redseligen Frauen bewundert hat. Dabei war ich in meinen Gedanken ununterbrochen mit der Frage beschäftigt, wie mich das gerade gesprochene Wort der Begrifflichkeit von Liebe näher bringt.


Zum Beispiel die unterschiedlichen Betrachtungen über die Ent-Täuschung, die Gregor empfindet. Welch ein Widerspruch: Abigail will gerade nicht täuschen, kein Geheimnis für sich behalten, das für ihre Beziehung von Bedeutung ist, und wird genau für diese Nicht-Täuschung von Gregor bitter abgestraft. Nun kann daraus der Schluss gezogen werden, dass es gut für sie ist, das wahre Gesicht des Geliebten zu erkennen – aber das ist wieder eine andere Geschichte. Jeder Ent-Täuschung geht eben eine Täuschung voraus, sehr oft ist es die Selbsttäuschung.


Zum Beispiel die Interpretation jener männlichen Gewalt, die bei Abigail ein befriedigtes Lachen auslöst. Kein Zweifel, der Macho-Jäger als Rächer der entlobten Frau ähnelt einer Filmrolle, aber überhaupt nicht dem christlichen Bild von der Liebe. So stehen in dieser Geschichte alle Männer, der Geliebte ebenso wie der Fährmann und der Jäger, mit ihrem Gefühlsvermögen weit entfernt von Vorstellungen über Liebe und Nächstenliebe, wie sie die Religion(en) und auch die gesellschaftlichen Konzepte über friedliches Zusammenleben prägen. Es sei denn, die drei Männer verstehen das neutestamentliche Gebot „liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst“ wie die Frau in der Diskussion, die von ihrer Jugend erzählte, in der sie dieses Gebot voll erfüllt habe. Der Pastor schaut verblüfft und die Frau ergänzt, sie habe sich überhaupt nicht geliebt, also andere auch nicht.


Zum Beispiel das Verhalten von Mutter und Tochter. Die älteren Frauen in der Diskussion einigen sich sehr bald auf den Standpunkt, es sei richtig, dass die Mutter ihrer erwachsenen Tochter nicht einfach den erbetenen Rat gibt. Sie nicken später auch, als eine Frau zu Bedenken gibt, dass es kein Ausdruck von Nähe oder gar Liebe sei, wenn die Mutter nicht nur den Rat sondern auch das Gespräch über die Lösung einer existentiellen Frage meidet. So muss sich die junge Frau einsam zurechtfinden in dieser Kultur, in der unter Frauen Sprachlosigkeit herrscht und die Männer „Liebe“ mit einem Preisschild versehen wie andere Dienstleistungen auch.


Wer unter Liebe versteht – und danach leben will – was Dorothee Sölle und der Apostel Paulus beschreiben, wird in der aktuellen menschlichen Gemeinschaft vermutlich am Rand stehen. Im Alltag glauben wahrscheinlich – hoffentlich – viele Menschen an diese Ideale. Mit den Merkmalen, die der Pastor für entscheidend hält, lässt sich auch in der einfachen praktischen Alltagswelt ein Weg zum liebevollen Verhalten finden: Kontakt suchen und halten, Vertrauen haben und bestätigen, Solidarität zeigen und erfahren. Das gilt für die intime Liebe ebenso wie für die allgemeine Liebe zur Natur und allen Geschöpfen. Sie gibt die Kraft für den Respekt gegenüber denen, die fehlen – nicht nur im Sinn von „nicht der Gemeinschaft angehören“ sondern auch im Sinn von „Fehler machen.“

1 Dorothee Sölle

2 Apostel Paulus, das hohe Lied der Liebe

3 Pastor Hartmut Marks-von der Born

Buchtipp von Hartmut Marks-von der Born:

Und sie erkannten sich. Das Ende der sexuellen Gewalt