Arbeitsmarkt unter dem Einfluss der Digitalisierung und Vernetzung

Es muss mehrere Antworten auf das neue Szenarium geben

Netzzitat ZEW, 28.6.2019 - IAB, 16.7.2019

Wer den technischen Fortschritt an und für sich lobt, erwartet auch, dass die Digitalisierung die Anzahl der Arbeitsplätze nicht schrumpfen sondern wohl sogar steigen lässt. Das sei schließlich schon seit den Anfängen der Industrialisierung immer wieder so gewesen. Wer den technischen Fortschritt skeptisch betrachtet, erwartet, dass die Digitalisierung zur massenhaft sinkenden Zahl von Arbeitsplätzen führen wird. Das sei schließlich gar nicht anders denkbar


und werde sicher abweichen von den vorausgegangenen Schritten der industrialisierten Wirtschaft, weil diesmal Robotik und Algorithmik menschliche Arbeitskraft ersetzen werden. Und weil Roboter niemals zu Konsumenten werden: Ihr Einsatz wird zur Rationalisierung beitragen, aber die Nachfrage nach Konsumgütern werden die Roboter jedenfalls nicht automatisch steigern.
Wenn nun die GmbH „Zentrum für europäische Wirtschaftsforschung“ (ZEW) im Informationsdienst der Wissenschaft (idw) am 29. Juni 2018 meldet: „Der technologische Wandel spaltet den Arbeitsmarkt“, und damit erklären will, dass nicht die Zahl der Arbeitsplätze sinkt, sondern „nur“ die Zahl für weniger qualifizierte Personen, dann suche ich in deren eigenen Texten nach schlüssigen Argumenten für diese erforschte Meinung.
Ergebnis: Fehlanzeige. Zitat der zentralen Aussage:
„Die fortschreitende Digitalisierung und Automatisierung sorgt dafür, dass Unternehmen zunächst eher zusätzliche Beschäftigte brauchen und einstellen werden, um die neuen Technologien einzuführen, als Personal abzubauen“, erklärt Dr. Ulrich Zierahn, Wissenschaftler im ZEW-Forschungsbereich „Arbeitsmärkte und Personalmanagement“ sowie Mitautor des Papiers.
Die Autoren der Studie haben zwischen 2011 und 2016 etwa 2000 Produktions- und Dienstleistungsbetriebe befragt. Deren Investitionen „in digitale und automatisierte Arbeitsprozesse“ haben seit 2016 zum Anstieg der Zahl der Arbeitsplätze um 1,8 Prozent geführt. Demnach sei es folgerichtig, dass der Arbeitsmarkt nicht schrumpfen sondern gespalten werde in die wachsende Zahl besser qualifizierter und besser bezahlter Stellen, während es zugleich immer weniger Arbeitsplätze für einfache Aufgaben und geringe Bezahlung geben werde. Deshalb müsse die Politik dafür sorgen, dass mehr Menschen durch geförderte Weiterbildung Aussicht auf besser bezahlte Arbeit haben werden.

In der Pressemitteilung wird auf einen wesentliche Widerspruch der Argumentation nicht eingegangen. Es ist klar, dass die Automatisierung der Rationalisierung und damit dem Ziel dient, mit weniger menschlicher Arbeitskraft mindestens gleiche Mengen, am Besten viel mehr zu produzieren oder Dienste zu leisten. Es wird aber ausgeblendet, was der Phase der Einführung, in der zugegeben zunächst mehr Arbeitskräfte gebraucht werden, folgen wird.
Das ZEW nutzt seine unvollständige Interpretation der Datenerfassung in den Unternehmen zu einer politischen Handlungsempfehlung. Die Politik soll demnach zugunsten der Unternehmen Weiterbildung fördern (das fordert übrigens auch der DGB.) Diese neuen Fachleute werden immer mehr automatisieren. Niemand leugnet das Ziel, menschliche Arbeitskraft zu ersetzen. Aber niemand kann bisher erklären, warum diese Rationalisierungsspirale am Ende des Prozesses trotzdem zu einer höheren Zahl von Arbeitsplätzen führen kann.
Irgendwo in diesem Ablauf muss es doch eine Lücke geben, die irgendwie geschlossen werden muss. Es genügt doch nicht, einfach zu hoffen, dass es schon so wie in der Vergangenheit auch in Zukunft weiter geht. Der Unterschied zu vergangenen Erfahrungen liegt augenscheinlich darin, dass früher mehr Arbeit für eine wachsende Zahl von Menschen zu mehr Konsum geführt hat, weil die Arbeitenden auch Einkommen bezogen haben. In Zukunft arbeiten die Roboter mehr und die Zahl der Menschen, die Einkommen aus Erwerbsarbeit beziehen können, wird eben nicht größer.

Die vorgeschlagene Lösung des ZEW bedeutet, dass mit der Förderung der Weiterbildung dafür gesorgt wird, mehr Experten für mehr Robotereinsatz auszubilden. Und woher haben die dann arbeitslosen Leute, die die Güter und Dienstleistungen nachfragen könnten, das Geld, um ihren Konsum zu finanzieren?

Die Politik muss wohl doch noch andere Lösungen des Problems überlegen. Auf jeden Fall muss menschliche Arbeit von Steuerlast befreit werden. Und wahrscheinlich ist das Bedingungslose Grundeinkommen eine wichtige Antwort auf den Wandel der Arbeitswelt.

IAB glaubt auch an stabile Arbeitsplatzzahl

Zitat aus der Mitteilung im idw am 16.7.2019:

Der deutsche Arbeitsmarkt konnte den Strukturwandel seit den 70er Jahren bislang alles in allem ausgleichen. Auf längere Sicht betrachtet entstanden etwa in dem Maß, wie Arbeitsplätze abgebaut wurden, auch neue. Das zeigt eine am Dienstag veröffentlichte Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).

Bezogen auf die aktuelle Digitalisierungsdebatte („Wirtschaft 4.0“) erwarten die Forscher, dass auch dieses Mal das Beschäftigungsniveau in Deutschland unterm Strich nicht sinken wird. Das IAB prognostiziert allerdings große Umbrüche: Durch die Digitalisierung werden rund 1,5 Millionen Stellen wegfallen, jedoch in ähnlichem Umfang auch neue entstehen.

Die Argumente gleichen sich, mein Gegenargument spielt aber auch in dieser Auslegung wissenschaftlicher Erhebungen keine Rolle. In der Vergangenheit sind Branchen durch Rationalisierung völlig umgekrempelt worden. Zum Beispiel die Medienwirtschaft, als Zeitungsredakteur habe ich diese Entwicklung seit 1974 hautnah erlebt. Zeitgleich sind durch politische Entscheidungen (Stichwort Privatisierung im vorher ausschließlich öffentlich-rechtlichen Rundfunk und Fernsehen) neue Profitmöglichkeiten eröffnet worden, und es gab die entsprechende Nachfrage in einer wachsenden Bevölkerung. Kann irgendjemand begründen, warum der absehbare Einsatz von Robotern, die Rationalisierung mit Hilfe von Algorithmen, die Nachfrage einer demografisch alternden Bevölkerung anfeuert?

Es gibt in Zukunft ein – im Vergleich zur zurückliegenden Erfahrung – verändertes Szenarium. Die Annahme, mit Qualifizierung könne auf die absehbare Entwicklung ausreichend reagiert werden, genügt nicht. Die angemessene Antwort muss Verkürzungen der Regelarbeitszeit sowie soziale Sicherung mit Hilfe von Grundeinkommen einbeziehen.