Volkstümlicher Brauch auf Borkum:

Am Ende fliegt Wiefke noch einmal in die Arme seiner Kumpel

Borkum, Hindenburgstrasse, Viertel vor Neun am Abend vor dem Nikolaustag. Zwei Frauen und zwei Kinder kommen mir entgegen, eine Frau horcht in ihr Mobiltelefon und sagt zur anderen: „Die Mittleren machen jetzt Pause in der Nähe vom Rathaus.“ Das kann man nur auf der Insel verstehen, wo die Leute aufgewachsen sind mit diesem sehr merkwürdigen Brauch: Am Vorabend vom 6. Dezember ziehen einheimische Männer durch die Stadt, um von Tischen, Dächern und Säulen zu springen und einige Frauen zu verhauen.

Dass alle dabei fröhlich bleiben, kann nicht allein am Alkohol liegen. Das ist wohl nur möglich, weil es um uralte und gemeinschaftlich akzeptierte Rituale geht. Junge Männer toben zuweilen ekstatisch durch Straßen und Kneipen, durch Hotels und Restaurants, brüllen im Stakkato kurze Laute – klingt wie Hei Hei Hei – und manchmal hört es sich so ähnlich an wie Anfeuerungsrufe in Fussballstadien, wenn die Namen „Wiefke, Wiefke, Wiefke“ und „Grote, Grote, Grote“ skandiert werden, nur lauter, fröhlicher, auch fordernder.

Tatsächlich erwartet das Publikum von jedem federgeschmückten Klaasohm, dass er springt, und zwar fast aus jeder Höhe, mit ausgebreiteten Armen und Beinen, als wollte er fliegen. Klaasohm tut das auch, weil er darauf vertraut, dass unten seine Kumpels stehen und ihn sicher auffangen. Weil das alles unter lautem Getöse geschieht, zigmal am Abend, brauchen die fünf Hauptdarsteller ab und zu Pausen. Die „Mittleren“ eben am Rathaus und die „Großen“, die mit Wiefke unterwegs sind, irgendwo anders.

Das ist der eine Teil des bunten Treibens, mit der eindeutigen Botschaft: Die Männer halten zusammen, sie lassen keinen fallen. Der andere Teil wirkt auf den ersten Blick nicht mal ansatzweise so sympathisch, wenn junge Frauen festgehalten und verhauen werden.

Die Borkumer im allgemeinen, die ja gern gastfreundlich sind, wollen an diesem Tag unter sich sein. Sie reden auch eher vorsichtig über ihren ureigensten Feiertag, den sie „Klaasohm“ nennen. Vielleicht ahnen sie, dass ihre Gäste Zeit brauchen um zu verstehen, dass Frauenverhauen heutzutage noch auf offener Straße straffrei möglich sein soll.

Selbstverständlich haben alle die gleiche Geschichte, mit der sie den Brauch augenzwinkernd, manche auch etwas verlegen erklären. Demnach sind früher sehr viele Männer als Walfänger ausgezogen und lange unterwegs, bevor sie pünktlich vor Weihnachten endlich heimkehren. Dann müssen sie erleben, dass die Frauen ganz prima allein mit der Organisation von Haushalt und Familienleben klargekommen sind. Sie haben sozusagen das Regiment geführt, um es ganz altdeutsch auszudrücken.

Dem wollten sich die Männer nicht unterordnen. Angeblich fiel ihnen nichts besseres ein als ihre Frauen auf die Straße zu zerren und ihnen den Hintern zu versohlen. Damit sollte dann wohl die Herrschaft der Patriarchen wieder hergestellt sein.

Ob es gewirkt hat, interessiert die Borkumer Gemeinschaft heute überhaupt nicht. Die jungen Männer ziehen stundenlang in kleinen Gruppen durch den Ort. Junge Frauen wissen sehr genau, was die Burschen im Schilde führen. Während Grote und Wiefke in irgendeinem Haus vom Tisch fliegen, lauern vor der Tür ein paar halbwüchsige Kerle darauf, etwa gleichaltrige Frauen festzuhalten. Die bleiben dem Haus fern oder setzen sich diesem Spiel aus, wehren sich natürlich, was zu einem teenagergerechten Gerangel führt. Hier darf man und frau offen miteinander toben. Oft gelingt es jungen Frauen auch, sich vom jungmännlichen Griff zu befreien, vor allem wenn andere Frauen helfen. Wenn die Befreiung misslingt und Grote aus dem Haus kommt, dann setzt es Hiebe mit einem Horn auf den Hintern.

Im Borkum-Film von 2003 wird ausführlicher erzählt, welchen Hintergrund dieses Brauchtum hat. Zu der Zeit kurz nach der Jahrhundertwende war es wohl noch strenger organisiert, vom Verein Borkumer Jungs, die in drei Gruppen durch den Ort zogen. Die “Kleinen” unter 16 Jahre alten, die “Mittleren” unter 18 und die “Großen”, unverheirateten Männer. In diesem Jahr gab es nur Mittlere und Große. Der Film wird freitags in der Kulturinsel gezeigt.

Wer, wie ich, zufällig am „Klaasohm“ auf der Insel eintrifft, hat Pech, wenn er nicht auf der Fähre gespeist hat. Die Läden sind seit Mittag zu, Restaurants gar nicht erst geöffnet, es gibt höchstens Bratwurst zum Bier vor einigen Kneipen. Das Hotel ist einfach offen, der Zimmerschlüssel liegt auf dem Tresen, das Personal zieht irgendwo durch den Ort.

Ob die grölenden Gruppen wie im Film dargestellt auch heute noch festgelegten Wegen durch den Ort folgen, ist dem zufälligen Gast nicht ersichtlich. Jedenfalls treffen sich zum Abschluss alle Klaasohms  auf einem kleinen Platz, in dessen Mitte ein gemauerter Turm im Format einer Litfaßsäule steht, etwa drei Meter hoch. Hunderte Zuschauer haben sich hier versammelt, darunter zahlreiche Kinder. Sie müssen am nächsten Morgen auch nicht zur üblichen Zeit zur Schule, entweder weil die Eltern das Frühstück nicht pünktlich zubereiten (können) oder weil die Lehrer… Verständnis dafür haben.

Nicht nur die Kinder blicken gegen 23 Uhr erwartungsfroh auf das unbekümmerte Treiben vieler Erwachsener. Jubel schwillt an, als sich die  Hauptdarsteller der Säule nähern. Sie helfen sich gegenseitig nach oben, tanzen dort Indianer-inspiriert auf der kleinen runden Fläche umher und bereiten sich auf den abschließenden Flug vor, nach festgelegter Reihenfolge, Wiefke – der Frauendarsteller im Männerclub – zuletzt.

In diesem Jahr haben die Züge durch den Ort etwa eine halbe Stunde länger als sonst gedauert, vielleicht weil es ab und zu geregnet hat, oder weil es an den einzelnen Flugstationen mehr Schnaps und Bier als sonst gab, warum auch immer. Jedenfalls meinte eine leicht enttäuschte ältere Dame auf dem unmittelbar folgenden Heimweg zu Mann und Enkel, voriges Jahr habe sich Wiefke viel mehr Zeit gelassen, bevor er abgesprungen sei.

Es gibt auch ein paar Bilanzen, die die Organisatoren ziehen können. Sie sind mir im Einzelnen nicht bekannt, aber ich habe gesehen, wie einige junge Leute Spenden gesammelt haben, einige Sanitäter haben kollabierten Personen geholfen, und was die Polizei zu tun hatte, weiß ich auch nicht, war aber am Abend nicht auffällig. Die Borkumer Lokalzeitung hat zwei Tage später nur Bilder veröffentlicht, keine Texte. In den beiden anderen Blättern, Ostfriesen Zeitung und Emder Zeitung, wird der höchste Borkumer Feiertag gar nicht erwähnt.

Was bleibt dem Gast für ein Eindruck von diesem Treiben in Erinnerung? Von zwei möglichen Blickpunkten entscheide ich mich für den wohlwollenden. Ich finde es richtig, wenn mächtige Menschen für jedes auch nur ansatzweise sexistische Verhalten nachhaltig öffentlich gemaßregelt werden. Machtmissbrauch mit und ohne sexistischen Hintergrund gehört geächtet und bei eindeutigem Gesetzesverstoß bestraft.

BK 190414

Autor Bernd Kirchhof

Aber ich halte nichts davon, solches Brauchtum auf eine vergleichbare Ebene zu stellen. Die Borkumer Männer und Frauen wissen selbst, dass sie ein Spiel spielen, dessen Regeln sogar zu der Zeit fragwürdig gewesen sein mögen, als sie erfunden wurden. Wenn die Beteiligten beiderlei Geschlechts heutzutage mitmachen, dann wissen sie das Ganze auch zeitgemäß einzuordnen. Darauf vertraue ich, bestätigt durch meine persönliche Wahrnehmung von einem frohsinnigen Volksfest am Klaasohm.


Das „Opa sein klein Häuschen“ ist ein Kellerlokal im Ortszentrum von Borkum. Hier habe ich Grote und Wiefke zum ersten Mal gesehen. Auf der Fähre hatte mir ein Einwohner des Inselortes – spürbar distanziert – von dem merkwürdigen Brauch erzählt, der darin besteht, dass maskierte junge Männer von Theken und Tischen springen und manchmal junge Mädchen verhauen. Das Opa ist ein niedriger Raum, sodass der Thekensprung eher einem Sinken in die Arme von Freunden gleicht – aber das war ja nur der erste Eindruck. Vor der nächsten Station nahe dem „Opa“ versammeln sich Jugendliche und auch einige junge Frauen, die offenbar genau wissen, worauf sie hier gefasst sein müssen. Meine Videoaufnahmen lassen nur schemenhaft erkennen, wie zwei Frauen festgehalten werden und wie sie von Grote mit einem Horn Schläge aufs Hinterteil erhalten. Das habe ich nur an dieser Stelle beobachten können. Währenddessen übt Wiefke schon mal den Sprung aus etwas größerer Höhe. Der Tross der Borkumer Jungen zieht weiter, angefeuert von jungen Frauen im Haus an der Strandstraße. Dem mehr als 150 Jahre alten Verein dürfen nur eingeborene Jungen mit 16 beitreten und als Männer müssen sie den Klub am Tag ihrer Hochzeit verlassen. Im Treffpunkt Bismarckstraße gerate ich zufällig in den Trubel, drücke mich in eine Ecke und filme das muntere Treiben. Bei allem Trubel wird erkennbar, dass es ordnende Hände gibt, die die Figuren leiten und Regie führen.
Diesmal fällt Wiefkes Sprung von der Theke schon etwas mutiger aus. An der nächsten Station vor der kleinen Bäckerei an der Franz-Habich-Straße müssen die Fänger volle Leistung zeigen. Grote und Wiefke springen aus fast drei Metern Höhe mit Anlauf in die Arme der Kumpel. Das sieht ganz so aus, als hätte die Gruppe den Ablauf ordentlich trainiert.
Während also die ständig in Hörner blasenden Gruppen junger Leute offensichtlich dem Alkohol zugetan sind, wirken die maskierten Akteure, dazu  insbesondere auch die Fänger,  bei aller Ausgelassenheit nüchtern und voll konzentriert. Wenn sie am Ende des Tages auf dem Platz ankommen, auf dem Hunderte Borkumer auf den Höhepunkt warten, sind die Hauptdarsteller mindestens fünf Stunden, wahrscheinlich länger, durch die Straßen gezogen. Vermutlich haben sie einige Dutzend Mal Grote und Wiefke aufgefangen, unfallfrei.